Von Claus Christian Malzahn
Der österreichische Schriftsteller Peter Handke hat heute in der "Süddeutschen Zeitung" das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 über 8000 wehrlose muslimische Männer von einer entfesselten serbischen Soldateska hingemetzelt worden sind, als das "schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde", bezeichnet. Nun soll man nicht kritteln, wenn ein Farbenblinder wieder Sehen lernt. Aber würde man ihm gleich eine Staffelei und Malkasten in die Hand drücken, um ein Panorama zu pinseln?
Handkes Text trägt sowohl Züge einer Klarstellung wie die einer Anklage. Er fordert eine faire Auseinandersetzung ein – das fällt nicht ganz leicht bei jemandem, der mehr als zehn Jahre lang wie ein Slalomfahrer an den zentralen Fragen des Balkankonflikts vorbeigeschrammt ist, um sich hinterher als jemand zu präsentieren, der als einziger den wahren Durchblick hat.
Handkes neuer Text, eine vom Autor bearbeitete Neufassung zweier Artikel, die zuvor in der französischen "Libération" erschienen, zeigt immerhin, dass er nicht den Verstand verloren hat. Bisweilen hatte man in der Vergangenheit diesen Eindruck, als er beispielsweise als Trauerredner auf der Beerdigung des serbischen Kriegsverbrechers Slobodan Milosevic sprach und wehmütig erklärte, er sei froh, ihm nahe zu sein.
Aber nein, Handke war nie verrückt. Seine poetischen Berichte vom Schlachtfeld des Balkan, in denen die Fragen nach Schuld und Verantwortung immer im Ungefähren gelassen wurden, und Naturbeschreibungen über blühende Bäume und Erdbeeren wichtiger schienen als die Massengräber, neben denen sie gediehen, entstammten nicht dem unschuldigen Blick des naiven Dichters. Handkes Haltung zum Krieg in Jugoslawien war von Anfang an zweifelhafte, skandalöse politische Pose. Er hat sie nur mit hübscher Prosa getarnt.
Nun wurde der Druck übermächtig. In Frankreich verteidigten viele namhafte Intellektuelle die Absetzung eines seiner Stücke vom Spielplan der Comédie Française . In Düsseldorf wird vermutlich ein selbstbewusster Stadtrat die groteske Entscheidung einer – bestenfalls ahnungslosen – Jury, korrigieren , dem europäischen Hofsänger von Slobodan Milosevic den Heinrich-Heine-Preis zu verleihen. Handke reagiert auf diesen Druck, wie es auch bedrängte Politiker in Krisenzeiten zu tun pflegen: ein bisschen was zugeben, ansonsten die Kritiker anklagen und sich über Aussagen ereifern, die nie getätigt worden seien.
Kein ernstzunehmender Mensch hat je erklärt, Bosniaken und Kroaten seien auf dem Balkan nur unschuldige Opfer gewesen. In den schrecklichen neunziger Jahren wurden dort Opfer blitzschnell zu Tätern und Täter zu Opfern. Handke betont in seinem Text, dass vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag auch Kroaten und Bosniaken angeklagt würden.
Tatsächlich haben auch Kosovo-Albaner schreckliche Verbrechen an der serbischen Minderheit begangen. Eines dieser Opfer war Alexander Simovic, ein junger Mann aus Pristina, der Jazz liebte und zu spät begriff, dass für ihn kein Platz mehr war im Kosovo, der 1999 vom Westen keineswegs befreit worden war, sondern in dem die ethnische Verfolgung schlicht umgedreht worden ist. Jetzt ist er tot. Albaner haben ihn verschleppt.
Dennoch: Auch für diesen Tod trug Milosevic Verantwortung, weil er den ethnischen Hass befeuerte, ihn zum Stilmittel seiner Politik machte, weil er die Gespenster des 20. Jahrhunderts mit stählerner Stimme auf dem Amselfeld beschwor. Dann wurde er sie nicht mehr los. Warum nur musste sich Handke zum Eckermann dieses Despoten machen?
Den Haag sei nicht das passende Gericht für Slobodan Milosevic, schrieb er vor einem Jahr. Welches Gericht denn dann? Ohne Den Haag werden in Kroatien, dem Kosovo, in Serbien und Bosnien niemals westliche juristische Standards einkehren, schrieb vor einiger Zeit die Schriftstellerin Slavenka Drakulic für SPIEGEL ONLINE. Doch das alles interessiert den Dichter nicht. Handkes Text endet mit den Sätzen: "Es lebe Europa. Es lebe Jugoslawien." Doch die Jugoslawen wollten nach 1989 kein Jugoslawien mehr, und Slobodan Milosevic war nicht der Gralshüter des von Handke sonderbar verklärten Titoismus, sondern der Totengräber multiethnischer Nachbarschaft.
Es bleibt ein Scherbenhaufen. Peter Handke hat sich – und auch sein Werk – mit seiner pubertären proserbischen Pose mehr als zehn Jahre lang permanent beschädigt. Mit Mut, verehrte Frau Alice Schwarzer, hatte das nichts zu tun, wohl eher mit Verbohrtheit und schlampigem Denken. Der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf ist ebenfalls entwertet, egal, ob er Handke nun verliehen wird oder nicht.
Am vehementesten hat sich die in der Heine-Jury sitzende Literaturkritikerin Sigrid Löffler für ihren Landsmann eingesetzt und, wie man von kundiger Stelle hört, Bedenken anderer Mitglieder fröhlich beiseite geredet. Es wäre besser gewesen, wenn sie ihren Schützling vor Jahresfrist schon um notwendige Klarstellungen gebeten hätte. Stattdessen veröffentlichte Löffler in ihrer Zeitschrift "Literaturen" einen grotesken Essay, in dem Handke sich zum Minnesänger Milosevics machte. So bleibt der Eindruck, dass mit der Verleihung des Heine-Preises auch eine zweifelhafte und heftig kritisierte redaktionelle Entscheidung nachträglich legitimiert werden sollte. Mit der Pflege von Literatur hat das freilich alles gar nichts zu tun. Auch deshalb: Es lebe Europa. Es lebe Heinrich Heine.
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