Düsseldorf - "Einer Jury, die nicht zu dem steht, was sie selbst beschlossen hat, wollen wir nicht mehr angehören", schreibt Sigrid Löffler heute in der "Süddeutschen Zeitung" und erklärt damit zusammen mit dem Literaturprofessor Jean-Pierre Lefèbvre ihren Austritt aus der Heine-Jury. Beide kritisieren das Vorgehen des Düsseldorfer Stadtrates, der die Wahl von Peter Handke als diesjährigen Preisträger blockieren will. "Einer Stadt, die unabhängige Fach-Juroren beruft und sie dann politisch desavouiert, können wir nicht mehr zur Verfügung stehen" heißt es weiter.
In dem Artikel räumt Löffler ein, dass "die meisten Juroren unvorbereitet waren und sich offenkundig noch nicht einmal mit den Dossiers vertraut gemacht hatten". Die Kritik einiger Politiker, dass die Jury sich nicht an die Vorgaben bei der Vergabe des Heine-Preises gehalten habe, lässt sie nicht gelten. Bisherige Preisträger wie Elfriede Jelinek oder Robert Gernhardt hätten den Preis ausdrücklich für ihr literarisches Werk erhalten: "Keinem einzigen der Ausgezeichneten wurde der Heine-Preis zugesprochen, weil er oder sie, wie es in den Statuten heißt, 'den sozialen und politischen Fortschritt gefördert' oder 'der Völkerverständigung gedient' hätten."
Die Literaturkritikerin Löffler folgert: "Für die Kür von genehmen Kandidaten ist der Wortlaut der Statuten des Heine-Preises völlig ohne Belang; diese werden nur dann hervorgeholt, wenn es gilt, einen missliebigen Preisträger im Nachhinein zu sabotieren." Es könne nicht bestritten werden, dass Peter Handke einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart sei. In seinen Balkan-Texten pralle der "Anspruch des Andersdenkens und Andersschreibens seit jeher auf den formierten journalistischen Konsens darüber, wie die jugoslawischen Sezessionskriege zu sehen und zu beurteilen seien". Für die Politiker und Journalisten sei Handke deshalb anstößig uns müsse "exorziert werden, weil er in seiner Unabhängigkeit Ansichten äußert, die sich die Intelligenz hierzulande nicht gestatten darf und daher auch ihm nicht zugesteht".
Dass Peter Handke den mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis nicht bekommt, ist inzwischen nicht mehr ganz so klar. Gestern hatte Nordrhein-Westfalens Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff zwar noch in aller Deutlichkeit den Stadtrat verteidigt und erklärt, der Preis werde in diesem Jahr gar nicht vergeben. Der Düsseldorfer Kulturausschuss, der gestern Abend tagte, kam aber zu keinem Ergebnis. Stattdessen einigten sich die Politiker auf eine "Denk- und Besinnungspause". Es habe noch keine ernsthafte Debatte um den Autor Handke gegeben, hieß es. Kulturdezernent Hans-Georg Lohe sagte, es sei auch noch offen, ob es am 22. Juni tatsächlich das vieldiskutierte Veto der Ratsfraktionen geben werde: "Das muss noch mit dem Oberbürgermeister abgestimmt werden."
abr/dpa/afp
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