Von Doris Plöschberger
Alles begann in Paris, im Sommer 1946: Der gefeierte Jazztrompeter, aber erfolglose Schriftsteller Boris Vian (1920 bis 1959) wettete mit seinem Freund, dem Verleger Jean d’Halluin, innerhalb von zwei Wochen einen Roman zu schreiben, der sich genauso erfolgreich verkaufen würde wie die Bücher amerikanischer Autoren, die unmittelbar nach dem Krieg in Frankreich reißenden Absatz fanden. Über den Wetteinsatz ist nichts bekannt, aber zunächst gab es ohnehin nur Gewinner: Boris Vian lieferte nach nur zwölf Tagen tatsächlich ein Romanmanuskript ab mit dem zu Herzen gehenden Titel "J’irai cracher sur vos tombes", auf Deutsch: "Ich werde auf eure Gräber spucken".
Als der Roman kurze Zeit später erschien, verkaufte er sich derart gut, dass d’Halluin seinen maroden Verlag sanieren konnte; seinem Autor brachte das Buch von Ende 1946 bis 1950 immerhin zweieinhalb Millionen Francs an Honorar. Allerdings wusste zunächst niemand, wer dieser Autor eigentlich war, denn Vian gab sich nur als der Übersetzer des Textes aus. Als Verfasser stand der völlig unbekannte Amerikaner Vernon Sullivan auf dem Titelblatt. Gefährdete Jugend
Das amerikanische Pseudonym war Teil von Vians Strategie, aus der Begeisterung seiner Landsleute für amerikanische Literatur eigenes Kapital zu schlagen. Es war aber auch einer Vorahnung geschuldet, die Vian in seinem Vorwort zum Roman formulierte: "Hier werden nun unsere bekannten Moralisten gewissen Seiten einen etwas zu weitgehenden Realismus vorwerfen." Vian sollte recht behalten, allerdings blieb es nicht nur bei Vorwürfen und geifernder, wenn auch verkaufsfördernder Kritik. Nachdem 1947 sein Pseudonym aufgeflogen war, wurde gegen den Autor ein Prozess angestrengt, der sich mehrere Jahre hinzog und an dessen Ende eine Verurteilung zu einer zweiwöchigen Gefängnisstrafe stand (die Vian allerdings nie absitzen musste). Sein Roman wurde als "jugendgefährdendes Schrifttum" eingestuft und im Juli 1949 verboten.
Was war es, das die Ankläger auf den Plan rief, weil sie um das Seelen- und sonstige Heil der französischen Jugend fürchteten? Vian hatte einen Roman geschrieben, der vordergründig nach einer simplen und altbewährten Erfolgsformel funktioniert: sehr viel Sex, gepaart mit sehr viel Gewalt. Die Provokation steckt aber nicht im geradlinig erzählten, bestialischen Mord an zwei jungen Frauen aus der Upper Class einer amerikanischen Kleinstadt, sondern in den Umständen, die zur blutrünstigen Tat führen: Lee Anderson, der Frauenmörder, ist ein Schwarzer, den seiner hellen Hautfarbe wegen alle für einen Weißen halten. Um der allgegenwärtigen Diskriminierung zu entgegen, übernimmt er die Rolle des angepassten, smarten weißen Aufsteigers. Doch als sein jüngerer Bruder, der sich anders als Anderson zu seiner Abstammung bekennt, gelyncht wird, weil er sich in ein weißes Mädchen verliebt, schwört er Rache – nicht den Mördern seines Bruders, sondern der weißen Herrenrasse und ihrem elitären Machtanspruch.
Zweifellos ist das ein Stoff, aus dem sich noch der billigste Sozialkitsch zusammenfabulieren ließe, aber ganz anders bei Vian. Er setzt die Akzente mit der nötigen Schärfe und an der richtigen Stelle, und so wird im kolonialistischen Frankreich knapp nach Ende des Zweiten Weltkriegs der Roman zum Skandal. Vians ätzend komische und gleichzeitig eiskalte Kritik an einer rassistischen und korrumpierten Gesellschaft schlug ein wie eine Bombe. Denn der skrupellose Täter ist mit seiner Rache deshalb erfolgreich, weil er sie nach den Spielregeln der Weißen plant und ausführt. So monströs Lee Anderson in seiner Rachsucht auch erscheint, so widerwärtig und moralisch bankrott sind seine Gegner und Opfer, die Männer und Frauen einer dekadenten weißen Oberschicht, deren Interessen sich auf möglichst hochprozentigen Alkohol und möglichst schnellen Sex beschränken. "Nach dem Kirchgang trafen wir uns am Fluß und tauschten die Mädchen mit der gleichen Schamhaftigkeit aus wie eine verdammte Affenherde in der Brunst", fasst Anderson das Treiben seiner Clique zusammen.
Verlogene GesellschaftsordnungDer Plot dieses Romans zitiert zwar die hard-boiled-Tradition der amerikanischen Kriminalliteratur mit ihren moralisch fragwürdigen und triebgesteuerten Figuren, aber Vian geht es weniger um naturalistische Milieuschilderungen als um die provozierende Darstellung einer verlogenen bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Dass der Täter am Ende selbst Opfer wird, demaskiert und verraten ausgerechnet von einem Weißen, der seine perverse Lust ungestraft an elfjährigen Mädchen befriedigt, ist der denkbar radikalste Schluss, den er dieser Geschichte geben konnte.
Fatalerweise hing Boris Vians Erfolg als Schriftsteller ausschließlich an diesem umstrittenen Buch. Als es verboten wurde, verkauften sich auch seine anderen Romane nicht mehr (unter ihnen "Der Schaum der Tage", der schönste, zärtlichste und traurigste Liebesroman der surrealistischen Literatur), sein Verlag machte Pleite, und Vians Karriere als Romanautor nahm ein frühes Ende. In der nun ebenfalls in einer Neuausgabe erscheinenden Biografie von Klaus Völker, die mehr dem Musiker und Jazzfanatiker als dem Dichter gerecht wird, ist nachzulesen, dass Vian seit Anfang der fünfziger Jahre bis zu seinem frühen Tod im Juni 1959 keinen Roman mehr verfasste.
Was als Erfolgsgeschichte begann, endete schließlich so bizarr, dass es Vian selbst geschrieben haben könnte: Seit seiner Jugend schwer herzkrank, stirbt er während einer Probevorführung der Verfilmung von "Ich werde auf eure Gräber spucken", die ohne seine Mitwirkung und gegen seinen Willen entstanden war.
Boris Vian: "Ich werde auf eure Gräber spucken". Ein amerikanischer Roman von Vernon Sullivan. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 136 Seiten; 9,90 Euro.
Boris Vian: "Der Schaum der Tage". Roman. Deutsch von Antje Pehnt, neu durchgesehen von Klaus Völker. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 180 Seiten; 14,90 Euro.
Klaus Völker: "Boris Vian. Der Prinz von Saint-Germain". Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 192 Seiten, 12,90 Euro.
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