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18.08.2006
 

Dieter Wellershoff über Grass

Ein Riss im Bild

Warum hat Günter Grass die Wahrheit nicht riskiert, fragt sich der Schriftsteller Dieter Wellershoff. Seine These: Durch diese Irreführung ist Grass zu vergleichen mit SS-Größen, die in der Bundesrepublik hoch angesehen waren - bis sie enttarnt wurden.

Der Telefonanruf weckte mich am vergangenen Freitag aus dem Mittagsschlaf, aber richtig wach wurde ich erst durch das, was mir gesagt wurde: Günter Grass hatte bekannt, gegen Ende des 2. Weltkriegs bei der Waffen-SS gewesen zu sein: ein 17-jähriger Soldat des letzten Aufgebots.

Autor Dieter Wellershoff: "In der Spur der Väter"
DPA

Autor Dieter Wellershoff: "In der Spur der Väter"

Der Anruf kam vom "Kölner Stadt-Anzeiger". Man bat mich um eine Stellungnahme. Als ich aufgelegt hatte, rief das Fernsehen an. Man wollte gleich ein Kamerateam schicken. Wieder klingelte das Telefon: ein anderer Sender. Die allgemeine Aufregung, die seit Tagen anhält, hatte begonnen.

Es war nicht zufällig, dass ich nach meiner Meinung befragt wurde. Zwei Jahre älter als Grass, war ich seit 1943 Soldat gewesen und hatte darüber ein Buch geschrieben. Ich hatte mich freiwillig zur Division Hermann Göring gemeldet, weil das als Alternative zur Waffen-SS galt, die mich als Jungvolkführer umworben hatte.

Meine pubertäre Kriegsbegeisterung, in die mich die Siege der Blitzkriegsjahre versetzt hatten, war seit der Niederlage von Stalingrad längst erloschen, aber einen Ausweg sah ich nicht. Der größte Teil meines Jahrgangs kam nach Italien und hat nach einem Partisanenüberfall in dem Ort Civitella in der Toskana in einer chaotischen Strafaktion massenhaft Geiseln erschossen. Teile dieser Truppe wurden später bei der Niederkämpfung des Warschauer Aufstandes eingesetzt.

Ich dagegen war zum in Berlin stationierten Begleitregiment und von da aus an die Ostfront gekommen, wo wir schwerste Verluste hatten, aber nie in ein Massaker verwickelt wurden. Doch dieses Glück verdanke ich allein dem Zufall. Wie ich mich in einer solchen Situation verhalten hätte, weiß ich nicht. Vielleicht kann ich froh sein, es nicht wissen zu müssen.

Das ist der Erfahrungshintergrund, der mich veranlasste zu sagen, dass Günter Grass als 17-jähriger Soldat der Waffen-SS war, sei für mich kein kritikwürdiger Tatbestand, denn er war ja offenbar an keinem Kriegsverbrechen beteiligt. Es ist allerdings ein bedenkenswertes historisches Phänomen.

Junge Menschen werden von der Welt geprägt, in der sie aufwachsen, vor allem, wenn sie keine andere kennen, nur die eine, suggestiv inszenierte, die ihnen einen ehrenvollen Platz zuwies, wenn auch nur zum Sterben. Es war ein Sinnangebot, wie man es hoch feierlich bei Hölderlin lesen konnte, ebenso bei Rudolf Alexander Schröder, Ernst Jünger und anderen. Und es war ein Männlichkeitsbeweis, ein Abschied von der häuslichen Mutterherrschaft in der Spur der Väter. Die jüngsten Jahrgänge glaubten auf Grund von Erfahrungsmangel am längsten daran.

Ich bin gespannt, wie Günter Grass in seinem autobiografischen Buch seine damalige Befindlichkeit beschreibt und erklärt. Und ich frage mich, warum er es nicht längst getan hat. Zum Beispiel im Anschluss an die "Blechtrommel". Es wäre mutig und aufklärerisch gewesen.

Warum hat er es nicht riskiert, sondern stattdessen, auch durch seinen Biografen, der verständlicherweise über diese Irreführung empört ist, die Version verbreiten lassen, er sei lediglich Flakhelfer gewesen? Durch diese, wie er vermutlich gedacht hat, geringfügige Fälschung steht er nun, weiträumig gesehen, in fataler Vergleichbarkeit mit Schneider-Schwerte, dem hohen SS-Offizier, der nach seinem fingierten Tod unter einem anderen Namen ein zweites Leben als hoch anerkannter Hochschullehrer, aktiver Demokrat und Duzfreund von Johannes Rau begann, bis er gegen Ende seiner glänzenden Berufslaufbahn enttarnt wurde und alles verlor: sein Haus, sein Vermögen, seine Pensionsansprüche und seine Identität.

So wird es Günter Grass selbstverständlich nicht ergehen. Buchhändlerisch gesehen stehen die Zeichen auf Erfolg. Und vielleicht wird das autobiografische Buch die Risse im Bild vergessen machen, dadurch dass es sie nicht mehr zu leugnen versucht.

Trotzdem glaube ich, dass die Jahrzehnte lange Abwehr der als problematisch und peinlich empfundenen Erfahrung im Tonfall und der Denkungsart einen subtilen Schaden angerichtet hat. Vor allem bei den öffentlichen Auftritten hat sich durch einen Mangel an inneren Widersprüchen und Zweifeln eine Monotonie des Rechthabens eingeschlichen. Recht zu haben ist zur Rolle erstarrt und kann mit dogmatisch abgesicherter Meinungsfreude jederzeit zu jedem Thema rhetorisch exemplifiziert werden.

Dabei kann nicht bezweifelt werden, dass er es ernst meint. Doch manchmal denkt man, dass dort nicht mehr der Autor des anarchischen Buches spricht, mit dem er begonnen hat.

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25.08.2006 von m.marxpek:

Auch ich kann keinerlei Ironie ausfindig machen. Sind Sie der Meinung, dass alle Menschen, die dem Papst begegnen, "automatisch" wissen, was gut oder böse in der Welt ist. Was ist überhaupt - allgemeingültig - gut oder [...] mehr...

24.08.2006 von Der Horst: Ernst gemeint?

Hab ich da gerade die Ironie-Tags übersehen? Oder hängen Sie ernsthaft dieser absurden These an? mehr...

24.08.2006 von traveller81:

Ich denke, seit dieser Begegnung wusste Grass, was gut und böse ist in dieser Welt. Leider hat er sich nicht danach verhalten. mehr...

24.08.2006 von m.marxpek:

Vermutlich wusste Grass damals schon, dass Ratzinger Papst wird, dann passt es wieder. Ja, so muss es einfach sein! Euch sind wirklich alle Argumente Recht, kaum zu glauben! Im Übrigen hat Grass den Papst nicht als [...] mehr...

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