Stockholm - Orhan Pamuk habe "auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden", hieß es in der Begründung des Nobelpreiskomitees der Schwedischen Akademie. Der aus Istanbul stammende Autor wurde für seine Mittlerrolle zwischen Orient und Okzident bereits im vergangenen Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Der 54-Jährige galt als Favorit für die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises. Seine Werke wurden bislang in 34 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht.
Der Sekretär der Nobel-Akademie, Horace Engdahl, sagte nach der Bekanntgabe: "Es gibt wohl kaum einen Autor in der Weltliteratur, der so faszinierende Stadtschilderungen schreiben kann wie Pamuk." Der Preisträger dieses Jahres sei "international wohlbekannt und ja auch als Anwärter getippt worden". Engdahl hob Pamuks "fließende Phantasie" hervor, die er in seinen Romanen zu "faszinierenden Mustern zusammenflechte" Zu den bekanntesten Werken Pamuks zählen "Die weiße Festung", "Rot ist mein Name" und "Schnee".
In seiner Heimat sieht sich Pamuk immer wieder politischen Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt. Wegen "Herabwürdigung des Türkentums" wurde der Autor vor Gericht gestellt, weil er in einem Interview gesagt hatte, in der Türkei seien "eine Million Armenier und 30.000 Kurden umgebracht" worden. Nach offizieller türkischer Lesart handelte es sich bei der Vertreibung hunderttausender Armenier während der Zeit des Osmanischen Reiches um eine Umsiedlung im Zuge des Ersten Weltkriegs, nicht aber um einen geplanten Genozid. Der von der Europäischen Union heftig kritisierte Prozess gegen Pamuk war Anfang des Jahres wegen juristischer Fehler eingestellt worden.
Orhan Pamuk wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren und wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf. Ursprünglich wollte er Maler werden, studierte dann aber Architektur und Journalismus, bevor er mit 24 Jahren unter dem Einfluss der Geschichte des modernen europäischen Romans mit dem Schreiben begann.
Die Nobelpreise sind mit jeweils umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert. Sie werden immer am 10. Dezember in Stockholm überreicht, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896). Preisträger soll nur sein, wer "in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Es soll von sehr hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen, heißt es in der Satzung der Schwedischen Akademie.
Im vergangenen Jahr hatte der englische Dramatiker Harold Pinter die weltweit höchste literarische Auszeichnung erhalten.
bor/dpa/ddp
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