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15.10.2006
 

Tod von Anna Politkowskaja

Schriftsteller ehren ermordete Journalistin

Von Sonja Pohlmann

Knapp eine Woche ist es her, dass die russische Journalistin Anna Politkowskaja erschossen wurde. Jetzt trafen sich 15 Schriftsteller in Berlin, um ihr nach ihrem Tod eine Stimme zu geben. Sie befürchten weitere Morde an regierungskritischen Journalisten in Russland.

Berlin - Als Monika Maron es nicht mehr aushielt, war Anna Politkowskaja schon drei Tage lang tot. Der Mord an der russischen Journalistin war am vergangenen Dienstag in den Zeitungen, im Radio und Fernsehen noch immer eines der wichtigsten Themen: Politiker, Schriftsteller und Journalisten in der ganzen Welt zeigen sich entsetzt, dass die russische Reporterin am 7. Oktober in ihrem Haus erschossen wurde. Am helllichten Tag, von einem unbekannten Täter.

Trauerfeier für Politkowskaja: Schriftsteller lesen ihre Texte in Berlin
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DPA

Trauerfeier für Politkowskaja: Schriftsteller lesen ihre Texte in Berlin

Politkowskaja ist das 246. Todesopfer unter Russlands Journalisten seit Ende der Sowjetunion. Maron will jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sie will ein Zeichen setzen. Am Dienstagabend fasste die deutsche Schriftstellerin mit ihrer Freundin Regina Mönch, Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), einen Plan: 15 deutsche Schriftsteller sollen im Gedenken an Politkowskaja Texte lesen - aus den Büchern der Journalistin: "Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg" und "In Putins Russland".

An diesem Wochenende trafen sich nun auf Anregung von Maron die Autoren Judith Herrmann, Peter Esterhazy, Katja Lange-Müller, Jens Reich, Dirk Sager, Sybille Lewitscharoff, Ingo Schulze, Peter Merseburger, Thomas Hettche, Wolfgang Büscher, Emine Sevgi Özdamar, Hartmut Lange, Tilman Rammstedt und Jana Hensel im Redaktionsgebäude der FAZ - und mehr als 300 Menschen kamen, um ihnen zuzuhören.

Prominenz schützt nicht

Monika Maron ist die erste, die ans Pult tritt. Sie liest mit zitternder Stimme Passagen aus Politkowskajas Tschetschenien-Buch. Es berichtet über die Arbeit der Journalistin als Reporterin und das Leid, das sie dabei gesehen hat: Frauen, gequält und vergewaltigt, vertriebene Familien, die nun in Baracken leben, und Kinder, deren Eltern umgebracht wurden.

Nach zehn Minuten hört Maron auf, verlässt kurz den Saal. "Diese Texte zu lesen, berührt mich sehr", sagt sie. Für sie sei es unerträglich, dass Politkokwskaja sterben musste. Die Prominenz und Anerkennung der Journalistin in der westlichen Welt, so hatte Maron gehofft, würde sie schützen - ein Trugschluss.

Politkowskaja widmete sich vor allem den Vverletzungen der Menschenrechte, der Folter und den Morden im tschetschenischen Kriegsgebiet. Unermüdlich berichtete sie darüber für die Moskauer Tageszeitung "Nowaja Gaseta", wurde dafür 2003 mit dem Lettre Ulysses Award für Reportage ausgezeichnet. Der politischen Führung Russlands blieb sie ein Dorn im Auge. Am Todestag Politkowskaja hatte Putin Geburtstag. "Ihr Tod zeigt ganz klar, dass Russland von einer Meinungs- und Pressefreiheit weit entfernt ist", sagt Maron.

Umso mehr sei Politkowskajas Mut zu würdigen. "Wir wollen ihr mit der Lesung über ihren Tod hinaus eine Stimme verleihen", sagt die deutsche Schriftstellerin. Gleichzeitig solle ein Signal an die deutsche Regierung gegeben werden, sich mutiger gegenüber Russland zu äußern. "Journalisten knallt man nicht ab, das soll Angela Merkel ganz klar sagen", wünscht sich Maron. Die anderen Schriftsteller lesen kurze Textabschnitte, jeweils etwa zehn Minuten lang - Applaus gibt es nicht, dafür ist die Stimmung zu gedrückt.

"Wir sind nicht zum Schweigen zu bringen"

Mainat Abdullajewa hört konzentriert zu. Die tschetschenische Journalistin lebt zurzeit als Stipendiatin des deutschen PEN-Clubs in Berlin. Heute sitzt sie in der ersten Reihe und eröffnet mit FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher die Gedenklesung. Mit Politkowskaja war Abdullajewa eng befreundet. Kennen gelernt hatte sich die beiden in der Redaktion der Moskauer Tageszeitung "Nowaja Gaseta". "Es ist schrecklich, dass Anna Politkowskaja sterben musste, damit das Thema Tschetschenien wieder auf den ersten Seiten der Zeitungen zu lesen ist", sagt Abdullajewa zu Beginn der Veranstaltung.

Allerdings befürchtet Abdullajewa, dass noch viele weitere Journalisten ermordet werden: "Jeder, der es wagt, das russische System zu kritisieren, muss damit rechnen." Umso wichtiger sei es deshalb, über die Menschenrechtsverletzungen zu sprechen. Die Gedenklesung sieht die tschetschenische Journalistin als wichtiges Signal in Richtung Moskau. "Wir zeigen damit, dass wir nicht zum Schweigen zu bringen sind", sagt die Journalistin.

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