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18.11.2006
 

Klaus Mann zum 100.

Kreativer Zerstörer

Von Peter Henning

Der Künstler und die Versuchungen der Macht - wer hat dieses Drama besser beschrieben als Klaus Mann in "Mephisto"? Der Roman ist immer noch gültig, sein Autor zu wenig geschätzt. Eine Korrektur zum 100. Geburtstag.

Das Leben des Schriftstellers Klaus Mann ist wohl nur von seinem Ende her zu begreifen, als Chronik einer fortlaufenden Selbstverbrennung. Alles in dieser von Unbestimmtheit gelenkten Existenz wies scheinbar von Beginn an auf ein jähes Ende hin. Und als der älteste Sohn des 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Thomas Mann am 21. Mai 1949 infolge einer Überdosis Schlaftabletten in Cannes freiwillig aus dem Leben schied, hatte sich der Kreis seines bis zuletzt wechselvollen und von nicht nachlassenden Depressionen gezeichneten Daseins auf schicksalhafte Weise geschlossen.

Autor Mann: Gescheiterte Fluchtversuche
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Autor Mann: Gescheiterte Fluchtversuche

"Fühle mich schlecht, schlecht, schlecht", notierte Klaus Mann am 29. April 1949, knapp einen Monat vor seinem selbst gewählten Ende, in sein Tagebuch, "völlig niedergeschlagen, unfähig irgend etwas zu tun." Und am 3. Mai heißt es: "Regen. Das Wetter ist ungefähr so grauenvoll wie mein moralischer und körperlicher Zustand."

Aufgewachsen in den Jahren des ersten Weltkriegs und im Chaos der Nachkriegszeit, fühlte schon der 18-Jährige einen Zustand "beklemmender Ungewissheit, da um uns herum alles barst und schwankte. Woran hätten wir uns halten sollen, nach welchem Gesetz uns orientieren? Die Zivilisation, deren Bekanntschaft wir in den zwanziger Jahren machten, schien ohne Balance, ohne Ziel."

Klaus Manns Lebensgefühl stand schon früh im Zeichen der Angst, die schließlich vom Wunsch zu sterben nicht mehr zu trennen war. Immer wieder findet sich im Werk des Exilanten und Weltbürgers (er gab in New York und Amsterdam Zeitschriften heraus) das Wort "escapism", das für ihn die Flucht vor den Widersprüchen, vor der Banalität und Melancholie des Lebens an sich umschrieb.

Heute vor einhundert Jahren wurde Klaus Mann in München geboren. Ein Schriftsteller, dessen wohl berühmteste Romane "Mephisto" von 1936 und "Vulkan" aus dem Jahr 1939 noch immer gültige Werke der literarischen Moderne sind. Natürlich gib es weitere wichtige Werke, die Romane "Alexander" (1930), "Flucht in den Norden" (1934) und "Sinfonie Pathétique" (1935) sowie all seine Erzählungen aus dem Exil. Oder seine diversen "Autobiographien" und "Tagebücher", in denen Klaus Mann die eigene innere Zerrissenheit immer neu in kurzen, hell funkelnden Gedankensplittern zu bannen suchte - und in denen sich alle negativen Aspekte seines Lebens verdichteten.

Teuflisches Machtspiel

Doch sie alle werden überragt von "Mephisto". Ist man einmal lesend eingetreten in diese faszinierende, klaustrophobische, ja erschreckend hermetisch anmutende Welt des Romans, so ist man sofort gefangen vom unverwechselbaren Ton dieses Autors. Klaus Mann lesen heißt auch heute noch: im Brennglas einer überaus präzisen Sprache das Wesen des Verrats, der Korruption und Machtgier erkennen. "Mephisto", dieser Roman einer Karriere, zeigt, wie sich begnadeter Schauspieler auf und außerhalb der Bühne chamäleonhaft anpasst - und den artistischen Auftrag über alle moralischen Skrupel stellt.

Zwar ahnt Hendrik Höfgen, der Künstlerheld, etwas vom "geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem eigenen Wesen und jener anrüchigen, verderbten Sphäre, in der vulgäre Schurkenstreiche ersonnen und ausgeführt wurden" - der apokalyptischen Wahrheit dessen aber, was um ihm herum geschieht, stellt er sich nicht.

Klaus Manns Roman war der frühe Versuch zu zeigen, auf welch tönernem Fundament ein sich kolossal gebärdendes Regime in Wahrheit steht. Und wie er nach der gesellschaftlichen Verantwortung für das Individuum fragt, das ist bis heute beispielhaft.

Muss die Kunst eine Moral haben? Wie kann man auf die Bedrohung der Individualität reagieren? Lässt sich die Position des inneren Exils überzeugend einnehmen und behaupten? Wo beginnen Selbstbetrug und wo innere Freiheit? Wie kann man das gesellschaftliche Selbst mit der Sehnsucht nach Erfüllung, Sinnlichkeit und Exzess versöhnen? Fragen, die Klaus Manns Arbeiten bis heute mit nicht nachlassender Dringlichkeit stellen. Dabei verlieh seine existenzielle Bedrängnis den Texten eine Intensität, die auch heute noch, 57 Jahre nach seinem Tod, berührt und ihresgleichen sucht.

"Einmal etwas hinzugeben, das eigene Form hat und eigene Melodie, an denjenigen, der seine Melodie schon gesungen hat und singt". Diesen Wunsch formulierte Klaus Mann, gerade mal 18-jährig, in einem kleinen Artikel anlässlich des 50. Geburtstages seines Vaters Thomas - und offenbarte damit indirekt die ganze Tragik seines späteren Autorenlebens: sein eigenes Wirken "im Schatten des Titanen". Doch wo der Autor des "Zauberberg" und der "Buddenbrooks" bis zuletzt das Image des moralisch untadeligen Großschriftstellers pflegte, betrieb Klaus Mann den Prozess seiner Selbstverbrennung mit schonungsloser Radikalität. Bereits dieser Umstand verleiht seinen Büchern bis heute ihre Wucht; von der stilbildenden Kraft und Dichte insbesondere seiner späten Erzählungen ganz zu schweigen.

"Gute Romane werden von Leuten geschrieben, die keine Angst haben", bemerkte einst George Orwell. Klaus Mann war ein solcher Furchtloser. Wir sollten ihn wieder lesen!

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