Essen - Es gibt wohl keinen Autor, der um seine Person ein größeres Geheimnis macht als Thomas Pynchon. Es gibt außer Jugendfotos keine Bilder von ihm, er lebt im Verborgenen, verweigert Interviews und würde niemals öffentlich auftreten. Doch dann und wann gibt er - neben den monumentalen Romanen, die in großen Zeitabständen erscheinen - Lebenszeichen unterschiedlicher Art von sich.
So synchronisierte er sich selbst in zwei Folgen der "Simpsons", wobei seiner Figur eine Tüte mit einem Fragezeichen übergestülpt war. Ein andermal kündigte er auf der Internetseite von Amazon höchstpersönlich sein nächstes Werk an - den Roman "Against the Day", der in den USA inzwischen erschienen ist und mit seinen 1085 Seiten nicht wenige Kritiker zur Verzweiflung brachte.
Jetzt hat Pynchon seinen nächsten Coup gelandet: Wie im Weblog des Magazins "Bücher"berichtet wird, schrieb der Autor seinem britischen Agenten einen mit einer Schreibmaschine geschriebenen Brief, der zur Veröffentlichung gedacht ist. Darin verteidigt er britischen Autoren Ian McEwan gegen Plagiatsvorwürfe.
Darin schreibt Pynchon: "Erinnerungen an den Krieg gegen England haben eine ungeheure Zeitzeugenkraft, haben späteren Generationen geholfen, etwas von der Tragödie und dem Heroismus dieser Tage zu erfahren. Dafür, dass McEwan Details eine dieser Erinnerungen für eine neues kreatives Schaffen verwendet, das immer offen zugegeben und eindeutig und ehrenhaft erklärt hat, dafür verdient er gewiss nicht unsere Kritik, sondern unsere Dankbarkeit."
Hintergrund der Einlassung: Dem Schriftsteller McEwan wird vorgeworfen, für seinen Roman "Abbitte" Passagen aus der Autobiographie "No Time for Romance" der Krankenschwester Lucilla Andrews übernommen zu haben. Einige kurze Passagen stimmen fast wortwörtlich überein. So ist die Figur Briony Tallis in McEwans "Abbitte" Krankenschwester im Londoner St. Thomas's Hospital - wie Andrews es war.
McEwan hatte zugegeben, Andrews' Autobiographie gelesen zu haben. Gleichzeitig hatte er den Plagiatsvorwurf mit einer Stellungnahme im "Guardian" zurückgewiesen: "Eine Inspiration - ja. Habe ich abgeschrieben? Nein." Schließlich habe er am Ende seines Buches auf Andrews hingewiesen. Er bedaure sehr, sie nicht persönlich kennen gelernt zu haben - Lucilla Andrews starb vor etwa einem Monat.
hoc
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