Montag, 23. November 2009

Kultur



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06.10.1999
 

50 Jahre DDR

Alles war so, alles war anders

Von Michael Pilz

Am 7. Oktober wäre die DDR 50 Jahre alt geworden. Der Osten erinnert sich und macht Bücher daraus. In ihnen wird die Utopie neu aufgebaut, das Wolkengrau verzieht sich, und in den Köpfen der Menschen treibt das verloren gegangene langsame Land die schönsten Blüten.

"Ich such die DDR/ Und keiner weiß, wo sie ist/ Es ist so schade, dass sie mich so schnell vergisst/ Ich such die DDR/ Und kommt sie zurück zu mir/ Verzeih ich ihr."
(Feeling B, Punkband, 1990)


Nichts kann so schmerzhaft sein, wie der Verlust der Langsamkeit. Ernte in Göttin, 1986
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Thomas Billhardt

Nichts kann so schmerzhaft sein, wie der Verlust der Langsamkeit. Ernte in Göttin, 1986

Diese Geschichte handelt von Menschen. Manchmal ist sie schöner als das Leben. Und manchmal ist alles ein Irrtum, weil das Leben hinter Worten und Bildern verschwunden ist. Auch die DDR wird jetzt 50 Jahre alt. Am 7. Oktober 1949 erlebten die Ostdeutschen eine Staatsgründung, eine Sonnenfinsternis und eine zweite Lindenblüte im Herbst. Ein sonderbares Land. Ein wundervolles Land, weil es kein Land mehr ist und in den Köpfen der Menschen die seltsamsten Blüten treibt. Zehn Jahre sind eine Ewigkeit. Zehn Jahre können zu kurz sein, um aus Geschichten Legenden zu stricken, die der Westen schon lange besitzt. Doch der Osten hat wieder Interesse an sich, erzählt sich nun selbst seine Biographien. Und schreibt und druckt, was das Zeug hält.


"Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert... Die Erinnerung vollbringt beharrlich das Wunder, einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen... Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen."
(Thomas Brussig, Schriftsteller, 1999)


Thomas Brussig erzählt vom Leben. Von seinem und dem seines Helden Micha Kuppisch, der im Mauerschatten aufwuchs und seinen Alltag beherrscht sah von den Tücken des Systems. Doch mit allem ließ sich leben. Weil alles eine große durchschaubare Groteske war. Das macht es den Büchern so leicht. Sie müssen nicht mehr tun, als zu berichten und abzubilden: Der Genosse Soldat mit dem Kleinkind im Wagen beim Bautzener Sorbentag, wie er dem Fotografen Thomas Billhardt gequält in die Kamera starrt. Billhardts baumlos betonierte Neubaugebiete, seine Kinderpanzer bei der 3. Zentralen Wehrspartakiade. Das sind Bilder von dokumentarischem Ernst und posthistorischem Witz. Aus den Fotos liest jeder die DDR, die er braucht, und baut sie im Geiste neu: Als Unrechtsstaat. Als gescheiterte Utopie und nostalgisches Luftschloss. Oder als liebenswerte Farce.


"Vielleicht haben wir überhaupt nichts erfunden. Vielleicht sind wir erfunden worden?"
(Ulrich Plenzdorf, Filmautor, 1998)


Vielleicht ist ein sehr ostdeutsches Wort. Und vielleicht möchte der Osten sich selbst nicht verstehen, um Raum zu haben für die kleinen Rückzüge aus dem heutigen Leben. Man sagt, die DDR sei ein langsames Land gewesen, und nichts kann so schmerzhaft sein, wie der Verlust der Langsamkeit.

"Wir waren viel unterwegs damals. Der Weg war alles, das Ziel nichts. Vielleicht konnte man so vergessen, dass man an Grenzen stieß. Keine Ahnung... Die Welt war noch etwas kleiner damals."
(Alexander Osang, Reporter, 1998)


Und der Historiker Ulrich Mählert ergänzt: "Jeden Abend erfolgte via ARD und ZDF die kollektive Ausreise der DDR-Bevölkerung in die bunte Bilderwelt des Westens." Vielleicht ist auch der Schmerz noch größer, diesen Westen verloren zu haben. Die BRD als unerfüllten Lebenstraum. Die SED hatte ihre "Hauptaufgabe" formuliert als "weitere Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes". Auch damit hat die DDR sich ruiniert, weil die Sehnsucht nach dem bunten Fernsehleben nicht zu stillen war. "Jetzt wissen wir, sie haben verloren", resümiert Klaus Schlesinger. "Das Dumme ist, wir haben nicht gewonnen."

"Nicht, dass ich über den Zusammenbruch eine Träne vergossen hätte - wohl aber über den Verlust der Vorstellung, was hätte entstehen können in diesem Vakuum der Macht... Ihr Bild steht mir nur unvollkommen vor Augen, wie hinter einem Morgennebel. Dass sie ein Traum ist, will ich gern zugeben."
(Klaus Schlesinger, Schriftsteller, 1993)


Wolkengrau und große Leere: Mai-Demonstration in Berlin 1987
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Harald Hauswald

Wolkengrau und große Leere: Mai-Demonstration in Berlin 1987

1958 hat Arno Fischer die Stalinallee fotografiert wie die Kulisse eines Orwell-Films. Stillstand, Wolkengrau und große Leere. Die Fotografen des ADN haben offizielle Bilder gemacht von Walter Ulbricht beim Eislaufen, von Erich Honecker im lybischen Trachtenmantel und von Erntebauern beim Bücherlesen. Beide Inszenierungen sind echt. Die erste ließ die Menschen frösteln, und die zweite brachte sie dazu, sich vor lauter Sucht nach Wärme auf die Schenkel zu schlagen. Ein Staat geht jetzt in Bildern und Geschichten auf. Kein Mensch kann ihn erklären. "Der Ostdeutsche" ist nur ein Entwurf aus Politik und Forschung. Gesetzt den Fall, die kollektive Bodenhaltung lässt den Menschen auch im Gleichschritt denken. Oder ganz im Gegenteil.


"Die Ostdeutschen lebten im Dauerabstand zu sich selbst und begriffen sich auch so; gelernte Skeptiker, widerriefen sie jede Zuschreibung, Fixierung, Benennung im Nu und erfüllten dank dieser Unbestimmtheit das Grundkriterium sozialer Freiheit - kein festes Wesen zu haben, mit mehreren existentiellen Möglichkeiten experimentieren zu können"
(Wolfgang Engler, Soziologe, 1999)


Im Geiste wird die Utopie neu gebaut: 700-Jahr-Feier in Werneshausen, 1983
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Thomas Billhardt

Im Geiste wird die Utopie neu gebaut: 700-Jahr-Feier in Werneshausen, 1983

Ein Satz, wie in Elbsandstein gehauen. Dafür schreibt Engler auch von der "arbeiterlichen Gesellschaft", in der die Menschen gleicher sein mussten als anderswo. Doch wie kann man wirklich von der DDR erzählen? Wie Kerstin Hensel vielleicht, die Thomas Billhardts Fotos mit familiären Anekdoten umrahmt. Sie schreibt von der Freude, in Karl-Marx-Stadt Junger Pionier zu sein. Was ihr Vater, der "Polizeier", mit dem Ausruf "Quark!" abtat und die Mutter Partei ergreifen ließ: "Nu lasse doch bei die Bioniere, ohne dem kommste nich weit." Oder vom Schlachthof, wo sie erfuhr, ebenfalls Eigentümer der Produktionsmittel zu sein: "Die Vorstellung, Eigentümer einer Darmquetschmaschine, eines Gekrösereißers oder auch nur einer elektrischen Rindertrennsäge sein zu müssen, bereitete mir schreckliche Träume."


Können Sie so unbekümmert sein? - Sie können!"
(Magazinwerbung für Haarwasser vom VEB Patina Halle/Saale, 1959)


Sehnsucht nach dem bunten Fernsehleben: U-Bahn-Linie A, Berlin 1986
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Harald Hauswald

Sehnsucht nach dem bunten Fernsehleben: U-Bahn-Linie A, Berlin 1986

Man spürt heute den Drang, sich und anderen das normale Leben versichern zu müssen, das man geführt hat. Das richtige Leben im falschen, "von geradezu komischer Ernsthaftigkeit, Leben von manchmal unfreiwilliger Komik", wie Wolfgang Thierse im Vorwort für den Fotografen Harald Hauswald schreibt. Hauswald hat die Achtziger begleitet und die Punks geknipst mit ihren Müllmarken im Ohr. Diese Achtziger waren die spannende Endzeit der DDR, weil die Menschen mit entfesselter Kreativität daran gingen, ihre Nischen auszubauen. Die einen dekorierten sie mit ihrer Kunst. Die anderen beschafften sich ihr Material zum Häuslebau. "Stirb nicht im Warteraum der Zukunft", hatte einer an die Wand gesprüht. Es ist nicht wahr, dass man sich das Leben ruinieren konnte, wenn man nicht dem Land zu Diensten war. Denn das Gegenleben war bunter und aufregender, die Menschen waren schöner dort. "Saufen und ficken. Da lagen unsere Stärken. Und gut gemacht, kostet das einige Kraft", schreibt Peter Wawerzinek über die achtziger Jahre.


Wir waren die Letzten, die hofften und auf die zu hoffen war. Nach uns kamen die Zyniker
(Christoph Dieckmann, Journalist, 1998)


Die Zyniker, das waren dann diese Kinder der Achtziger. Dieckmann hat die siebziger Jahre konserviert, ist heute Country-Fan und DDR-Verweser bei der ZEIT. Seine DDR ist ein moralisches und melancholisches Land. Und wenn autoritäre Autoren "wir" schreiben und "uns", dann übernehmen sie ungebeten die Anwaltschaft für dieses ganze sonderbare Land im Kopf. Und zwingen zusammen, was nicht zusammen gehören will: die Menschen. Doch diese Geschichte handelt von ihnen und ihrem Leben.

"Alles war so. Alles war anders."
(Kerstin Hensel, Schriftstellerin, 1999)






Volker Handloik, Harald Hauswald (Hg.): Die DDR wird 50. Texte u.a. von Ulrich Plenzdorf, Alexander Osang, Christoph Dieckmann, Peter Wawerzinek und Fotografien von Arno Fischer und Harald Hauswald. Aufbau, Berlin 1998. 248 Seiten, 50 Mark.


Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Volk und Welt, Berlin 1999. 157 Seiten, 29,80 Mark.


Thomas Billhardt/Kerstin Hensel: Alles war so. Alles war anders. Bilder aus der DDR. Gustav Kiepenheuer, Leipzig 1999. 127 Seiten, 49,90 Mark.


Ulrich Mählert: Kleine Geschichte der DDR. Beck, München 1998. 207 Seiten, 19,80 Mark.



Klaus Schlesinger: Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. Aufbau, Berlin 1998. 207 Seiten, 15,90 Mark.


Günther Drommer (Hg.): 50 Jahre DDR. Der Alltag der DDR, erzählt in Fotografien aus dem Archiv des ADN. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999. 320 Seiten, 49,80 Mark.


Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Aufbau, Berlin 1999. 348 Seiten, 39,90 Mark.


Harald Hauswald: Seitenwechsel. Fotografien 1979-1999. Aufbau, Berlin 1999. 151 Seiten, 49,90 Mark.



Simone Tippach-Schneider: Messemännchen und Minol-Pirol. Werbung in der DDR. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999, 168 Seiten, 49,80 Mark.


Ronald Galenza/Heinz Havemeister: Wir wollen immer artig sein... Punk, New Wave HipHop, Independent-Szene in der DDR 1980-1990. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999, 416 Seiten, 39,80 Mark.

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