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Taschenbuch-Bestsellerliste Mit allen Wassern gewaschen

Carola Stern war eine der bedeutendsten politischen Publizistinnen der Bundesrepublik. Ihr Doppelporträt der Schauspieler Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe "Auf den Wassern des Lebens" ist in dieser Woche höchster Neueinsteiger unter den Taschenbuch-Bestsellern bei SPIEGEL ONLINE.

Stern schildert in ihrem Buch nicht nur kenntnisreich und lebendig die Geschichte zweier Legenden, sondern auch ein Stück deutscher Geschichte: Während Gründgens als Görings Günstling zum Ansehen des Hitler-Staates beiträgt, steigt Marianne Hoppe zum UFA-Star auf. In ihren Filmen lebt sie vor, wie Hitler sich die deutsche Frau vorstellt – und versteckt in ihrer Wohnung den verfolgten jüdischen Freund Carl Dreyfuss.

Taschenbuch-Cover "Auf den Wassern des Lebens": Ein Stück deutscher Geschichte

Taschenbuch-Cover "Auf den Wassern des Lebens": Ein Stück deutscher Geschichte

Zehn Jahre lang, von 1936 bis 1946, sind Hoppe und der homosexuelle Gründgens miteinander verheiratet, sie bleibt ihm – über die Scheidung hinaus – durch Nähe, Loyalität und Fürsorglichkeit verbunden. Später, in der Bonner Republik, wird der konservative Generalintendant, der auf die Klassiker und auf Werktreue schwört, Adenauers politische Maxime "Keine Experimente" kongenial auf die Bühne übertragen. Marianne Hoppe hingegen findet an der Seite berühmter Autoren und Regisseure wie Thomas Bernhard und Heiner Müller Anschluss an das moderne Theater.

Die 1925 in Ahlbeck auf Usedom als Erika Assmus geborene Carola Stern, im Januar 2006 gestorben, hat in ihrer eigenen Lebensspanne ebenfalls viele Häutungen durchgemacht: In der Nazi-Zeit war sie Jungmädel und nach dem Krieg Junglehrerin in der Sowjetischen Besatzungszone. Während sie für die Amerikaner spionierte, lernte sie als Eliteschülerin in der Parteihochschule der DDR und floh, als ihre Tarnung aufgedeckt wurde, 1951 nach West-Berlin.

Es folgten Stationen beim Institut für politische Wissenschaften an der Freien Universität und bei Kiepenheuer & Witsch in Köln als Lektorin. 1961 war sie Mitbegründerin der deutschen Sektion von Amnesty International, sie wurde PEN-Vizepräsidentin und gehörte zu den ganz wenigen Frauen auf dem Bildschirm beim WDR. Mit "Doppelleben", ihrem 2001 erschienenen autobiografischen Lebensbericht, ist sie den Windungen ihres Lebens noch einmal nachgegangen. Das Buch wurde auch für das Fernsehen verfilmt.

Schon als Journalistin hatte sie begonnen, wie sie oft erzählte, mehr aus Verlegenheit und Zufall unter dem Pseudonym Carola Stern zu schreiben. Nach ihrer Pensionierung fand sie Zeit, größere Texte vorzulegen: Sie veröffentlichte eine Reihe höchst erfolgreicher Biografien über Dorothea Schlegel, Rahel Varnhagen, Johanna Schopenhauer und Fritzi Massary.

Ihre beeindruckende Energie und die Beharrlichkeit bei der Verfolgung ihrer Ziele hatte sie von ihren Großmüttern geerbt: "Ich stamme aus einer pommerschen Fischerfamilie, in der die Frauen das Sagen hatten", erinnerte sie sich gern. "Die Männer mussten raus fahren und die Fische fangen, aber die Frauen mussten die Fische verkaufen, mit großen Körben auf dem Rücken in die Kreisstadt fahren und dort von Haus zu Haus gehen."

Helge Rehbein, Buchreport


Carola Stern: "Auf den Wassern des Lebens". Rowohlt, 400 Seiten, 9,90 Euro.

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