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"Die Hirnkönigin" Kilometerlanger Luststau

Männer verkaufen ihre Schwänze. Frauen werden zu Triebtäterinnen. Die Jung-Krimiautorin Thea Dorn zettelt in ihrem Psycho-Thriller einen neuen Kampf der Geschlechter an und fahndet nach weiblichen Serienmördern.

Kommissar Priesske glaubt nicht, dass es Triebtäterinnen gibt. Solche „kranken Sex-Dinger machen Frauen nicht“, meint der autoritäre Chefermittler in Thea Dorns neuem Krimi „Die Hirnkönigin“. Aber genau damit, dass man etwas kategorisch ausschließt, geht man der gewitzten Philosophin Dorn in die Falle.

Seit der „Berliner Aufklärung“, die 1995 erschien, betreibt die 29-jährige in ihren Krimis einen Ausgleichssport zur geistigen Disziplin, die sie an der Freien Universität von Berlin lehrt. Ihre Mörderfiguren zerlegen ihre Opfer gleichsam analytisch. 1995 war es ein Philosophieprofessor, der sich eines Morgens in 56 Stücken auf die Postfächer seiner Kollegen verteilt findet. Jetzt gibt es mindestens vier Leichen, denen das Hirn sorgsam aus dem Schädel präpariert wird.

Jung und kampflustig: Krimiautorin Thea Dorn
Barbara Niggl Radloff

Jung und kampflustig: Krimiautorin Thea Dorn

Der Blick der Erzählerin springt zwischen der lebensfrohen Crime-Journalistin Kyra Berg und der geheimnisvollen Mörderin, die sich mit dem Versgemetzel der Ilias antörnt. Die dritte Perspektive liefert Franz, ein verklemmter Musikkritiker. Er würde seinen besten Freund am liebsten inserieren: „Schwanz – dumm, aber lieb – billig zu verkaufen!“ Franz versucht, sich zu kastrieren. Auch alle anderen Männer scheitern drastisch an ihrer Lust, zum Beispiel der Museumswächter, der eine Statue der keuschen Göttin Athene entehrt und bei dem perversen Akt hinterrücks erschlagen wird. Oder der Bildhauer, den Kommissar Priesske mit abgefackelten Lenden auf den Stufen des Pergamon-Altars findet.

Alle Anzeichen stehen auf Lustmord, aber Priesske bleibt bei seiner vorgefaßten Meinung. Die ist nach Dorns Recherchen unter Kriminalpsychologen Standard. „Man stutzt doch bei den Erklärungen, so ein Verhaltensmuster wäre mit der weiblichen Psyche nicht vereinbar“, empört sie sich im Gespräch. Bei den tatsächlich bekannten Serienmörderinnen würden immer nur abgeleitete Motive wie Rache, Hass oder fehl geleitetes Mitleid angegeben. „Was, wenn das falsch ist? Wenn es von heimlichen Lustmörderinnen nur so wimmelt? Mein Ehrgeiz war, so eine Figur zu entwerfen.“

Als feministische Role-Models taugen Dorns forsche Heldinnen, die sich alle als Täterin verdächtig machen, dennoch nicht. Die flotten Sprüche der Autorin nerven auf Dauer, zumal Dorns sprachliche Gewitztheit auf Plattitüden und Klischees aufbaut - so franzlt man als Wiener selbstverständlich „Küss die Hand, gnädige Frau“, als Sex-Mieze des Chefredakteurs ist man blond, und als Mitglied einer Frauen-WG diskutiert man in Ökowollsocken über die Vorzüge kollektiven Menstruierens. Mit einer süffisanten Dauerironie in der Stimme deckelt Dorn ihre Figuren nicht weniger autoritär als es Machotypen wie Priesske tun würden.

Thea Dorn: "Die Hirnkönigin". Rotbuch-Verlag, Hamburg; 300 Seiten; 36 Mark.

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