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21.03.2007
 

Trends der Leipziger Buchmesse

Machen wir's kurz

Von Thomas Meininger

Die Romanschwarte, lange Zeit Objekt der Begierde von Verlegern und Lesepublikum, gerät ins Hintertreffen: Bei der heute startenden Leipziger Buchmesse brillieren die kleineren Formen. Die Literatur zieht den Kürzeren - gut so.

Günter Grass kommt zur Leipziger Buchmesse, die heute abend feierlich eröffnet wird, und stellt seinen neuen Band mit Gedichten vor. Und Martin Walser wird im Vorfeld seines 80. Geburtstages am Samstag auf dem Messegelände mit den gläsernen Runddächern viele Interviews geben. Aber das sind beides Ereignisse, die eher zum normalen Messealltag zählen und darüber hinaus die Phantasie der literarischen Trendscouts nicht recht beflügeln können.

Autor Biller: Chronist der Großstadt-Liebe
DDP

Autor Biller: Chronist der Großstadt-Liebe

Heißer gehandelt werden in diesem Frühjahrsprogramm andere Namen. Die junge US-amerikanische Autorin Marisha Pessl etwa, die zuerst mit ihren Autorinnenfotos die Kaste der Literaturkritiker verwirrt hat – als sei es überraschend, dass gutaussehende Frauen dicke Bücher schreiben könnten – und deren Roman "Die alltägliche Physik des Unglücks" (Fischer Verlag) nun fleißig gelesen wird.

Stark beachtet wird auch die deutsche Erzählerin Antje Rávic Strubel, die mit ihrem fünften Buch "Kältere Schichten der Luft" (Fischer Verlag) den Statuswechsel von der Nachwuchsautorin zur arrivierten Schriftstellerin geschafft hat. Und schließlich macht noch ein spätes Debüt von sich reden: Der Kunstkritiker Ulf Erdmann Ziegler, Jahrgang 1959, hat den literarisch feinsten Roman dieses Frühjahrs vorgelegt. Er heißt "Hamburger Hochbahn" (Wallstein Verlag) und ist ein subtil durchgearbeitetes realistisches Zeitstück aus den Achtzigerjahren.

Machen wir's kurz

Wirklich auffällig ist vor allem aber ein Trend: die Rückkehr der kleinen Form. Erzählungen und Kurzgeschichten galten in den vergangenen Jahren nur als Nebenarbeiten, es dominierte der handfeste Roman oder gleich die dicke Schwarte im Format von Jonathan Franzens "Korrekturen" oder Richard Powers "Der Klang der Welt". Gleich drei der interessantesten Neuerscheinungen, die in Leipzig vorgestellt werden, sind Bände mit Erzählungen – das kann kein Zufall sein!

"Handy" (Berlin Verlag) heißt der Band von Ingo Schulze, er hat darin "dreizehn Geschichten in alter Manier", so der Untertitel, vorgelegt – schöne, teils wunderbar komische Erzählungen, in denen aus vielfältigen Perspektiven ein Schriftstellerleben auf Reisen reflektiert wird. In den sieben Jahren Arbeit an seinem großen Roman "Neue Leben" hatten sich offensichtlich viele Einfälle angestaut, die schnell abgearbeitet werden mussten.

Erstaunlich aber ist, als wie lebendig sich die Form der Erzählung bei Ingo Schulze erweist. Sie eignet sich nicht nur gut für Lesungen, die hierzulande ja nicht nur auf der Buchmesse einen ungeahnten Boom erleben. Auch der Neigung, verschiedene Erzählhaltungen und Figurenperspektive nebeneinander stehen zu lassen, ohne sie gleich in einen Romankosmos einzuschmelzen, kommt sie entgegen. Als Leser kann man in so einem Band zappen wie zwischen verschiedenen Fernsehprogrammen.

Liebe, knapp und kompliziert

Dass Maxim Biller ein Meister der kleinen Form ist, hat er bereits in vielen Glossen und Kolumnen bewiesen. In seinem soeben erschienenen Erzählungsband "Liebe heute" (Verlag Kiepenheuer & Witsch) demonstriert er die hohe Kunst, auf jeweils fünf bis zehn Seiten eine Situation oder eine Figur aufblitzen zu lassen; insgesamt führt der Band so erhellende, melancholische und vor allem realistische Einblicke in das komplizierte Liebesleben heutiger Großstadtbewohner vor.

Die Form der Kurzgeschichte stimmt hier unbedingt mit dem Inhalt überein. Die Liebesbegegnungen von Billers Figuren wollen sich nicht zur langen, breit auserzählbaren Geschichte runden. Es bleibt oft bei flüchtigen Begegnungen und unglücklichen Verläufen. So passt die Kurzgeschichte offensichtlich sehr gut zum Lebensgefühl heutiger Thirty- und Fourtysomethings.

Das ist auch in "Minibar" (Verbrecher Verlag) nachzulesen, dem literarischen Debüt des Essayisten und Literaturkritikers Kolja Mensing. In kurzen, lakonischen und sorgsam komponierten Geschichten beschreibt er die Schwierigkeiten heutiger 30-Jähriger, erwachsen zu werden. Bei Kolja Mensing kann man sehen, dass der Trend zur Kurzgeschichte mit einer neuen literarischen Sensibilität einhergeht. Disperate Szenen und Eindrücke werden nicht mehr mit einer Rahmenhandlung versehen und dann als Poproman verkauft – Joachim Lottmann hat dieses Vorgehen bis zum Exzess betrieben. Stattdessen werden sie jetzt von Maxim Biller und Kolja Mensing nebeneinander stehen gelassen. Wie in der Wirklichkeit auch.

Einem dieser Kurgeschichtenbände werden sogar gute Chancen eingeräumt, am Donnerstag um 16 Uhr den Preis der Leipziger Buchmesse abzuräumen: Ingo Schulze steht auf der Shortlist, zusammen mit Antje Rávic Strubel, dem Dauerschreiber Wilhelm Genazino, dem Geheimfavoriten Wolfgang Schlüter und Werner Bräunig, dem Ende der siebziger Jahre verstorbenen DDR-Autor, dessen Roman "Rummelplatz"in der DDR verboten wurde und erst jetzt erscheinen konnte.

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