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02.04.2007
 

Neues von Grass

Der Dichter und die Henker

Von Henryk M. Broder

Seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS schien ausdiskutiert, jetzt bringt Günter Grass das Thema noch einmal aufs Tapet. Mit einem Lyrikband, der Selbstmitleid auf Arroganz reimt. Der Dichter als Besserwisser - mal wieder.

Millionen von Deutschen schreiben Gedichte. Nur wenige professionell, die meisten in ihrer Freizeit. Viele träumen davon, bedeutende Poeten zu werden. Deswegen nehmen sie an Wettbewerben teil und nutzen jede Gelegenheit, ihre Werke zu veröffentlichen. Von diesem Drang nach Anerkennung lebt eine private "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte", in der jedes Jahr eine voluminöse Gedichtanthologie erscheint.

Lyriker Grass: Selbstverklärung in Versen
DPA

Lyriker Grass: Selbstverklärung in Versen

Die letzte, 2006 erschienen, hat einen Umfang von 1024 Seiten und enthält über 4000 Gedichte ebenso vieler Autoren. Die Herausgeber veranstalten jedes Jahr einen Wettbewerb und bieten auch allerlei Dienstleistungen an. Unter anderem ein einjähriges Lyrik-Fernstudium ("Das lyrische Schreiben") zum Preis von 1320 Euro und einen kostenlosen "Reim-Automaten", eine Wort-Datenbank mit 170.000 Einträgen.

Die Gedichte heißen "Die eigene Mitte", "Badewanne am Rande" oder "Toter Mann im Gang". Die Autoren nehmen das Dichten sehr ernst, auch wenn man oft nicht begreift, was sie zum Ausdruck bringen wollen. Denn während Kochrezepte und Anleitungen für den Aufbau einer Carrera-Bahn konkret sein müssen, können Gedichte vage und vieldeutig sein. Zum Beispiel das Gedicht "Hin und her endlos", das mit den Worten anfängt:

"Scham kriecht ins Loch, /das bewohnt ist bereits./ Nun reibt sich Scham an Scham im Vergleich miteinander./ Nun, weil überzählig,/ muss Scham ans Licht uns ist fortan/ von schamfreier Beute umringt./ Hingeworfen als Knochen will Scham/ nun wieder ins Loch kriechen,/ ist dort nicht willkommen./ Hin und her Scham, auf der Suche/ nach gleich kurzem Wort."

Genug gealbert: Dieses Gedicht wurde nicht von einem Unbekannten geschrieben, der ein Lyrik-Fernstudium bestanden hat, es stammt von einem Profi, von Günter Grass. Und es steht nicht in der Amateur-Bibliothek, sondern in Grass’ letztem Buch "Dummer August", einer Sammlung von 41 Gedichten, die der Nobelpreisträger sozusagen als Anwalt in eigener Sache geschrieben hat.

Wütend und beleidigt

Denn nachdem ihm in seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" das Geständnis herausgerutscht ist, dass er als 17-Jähriger kurz bei der Waffen-SS gedient hat, musste er sich fragen lassen, warum er diese Information über 60 Jahre für sich behalten hatte. Grass empfand solche Fragen als Zumutung, er reagierte beleidigt, wie eine alt gewordene Klosterfrau, die vergessen hatte, das sie früher in einem Puff gearbeitet hat. Und so schrieb er sich die Wut von der Seele. "Wohin fliehen" heißt eines der Gedichte, das mit den trotzigen Worten endet: "Also bleiben,/ wechselnde Wetter aushalten/ und wie gelernt/ gegen den Wind spucken, denn noch/ ist nicht alles gesagt."

So hat schon Erich Fried gedichtet ("und vietnam und") und seinen kargen Sätzen durch Zeilenbruch Bedeutung eingehaucht. Grass macht es ihm nach und präsentiert sich als Opfer einer Treibjagd, "gestellt vors Schnellgericht der Gerechten", "begleitet von Buhrufen und nur vereinzeltem Beifall aus dem Ring getragen", wie einem Kaninchen sollte ihm "das Fell über die Ohren gezogen" werden, aber er ließ es nicht zu:

"Als alles in Scherben fiel,/ hat man uns Jungs, dem letzten Aufgebot,/ nicht mehr die Kennzahl der Blutgruppe/ in des Armes Innenhaut tätowiert./ Das soll nun nachgeholt werden;/ Die Helden von heute bestehen darauf./ Aber ich halte nicht hin;/ bin schon gezeichnet für jeden, der lesen will./ Sie aber kennen die Scham nicht, / nur des Scharfrichters Ehrgeiz juckt sie,/ verletzend zu sein." So sieht also Grass’ Welt aus: Auf der einen Seite er, das letzte Aufgebot des Anstands, auf der anderen Seite die Scharfrichter, die keine Scham kennen. Der Dichter und die Henker.

Fragwürdige Rhetorik

Grass hat für sein literarisches Lebenswerk den Literatur-Nobelpreis bekommen; gäbe es freilich einen Preis für Selbstgerechtigkeit, Wehleidigkeit und Verkennung der Realität, müsste auch der an Grass vergeben werden, denn kein anderer Schriftsteller hat es in diesen Disziplinen so weit gebracht wie er. In einem Gespräch mit der Leipziger Volkszeitung, in dem es um sein vergessenes Gastspiel bei der Waffen-SS und die Reaktionen der Öffentlichkeit auf das späte Geständnis ging, sprach Grass von "Gleichschaltung", der "Entartung des deutschen Journalismus", einer "Tendenz zum Fertigmachen" und einer "Totschlägerstimmung", der er beinahe zum Opfer gefallen wäre: "Das war ja der Versuch, mich mundtot zu machen."

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