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12.04.2007
 

Zum Tode Kurt Vonneguts

"Das Erlebte war zu gewaltig"

Von Volker Hage

Als Kriegsgefangener überlebte Kurt Vonnegut 1945 die Bombardierung Dresdens. Seine Erlebnisse verarbeitete er später in dem Roman "Schlachthof 5", das zum Kultbuch der Gegner des Vietnamkrieges wurde. Jetzt starb der Schriftsteller 84-jährig in New York.

Seine deutschen Vorfahren kamen zu einer Zeit nach Amerika, "als es noch nicht einmal die Freiheitsstatue gab", wie er gern erzählte. Gegen 1840 war das, und die Abstammung war ein Problem, als Kurt Vonnegut 1945 seine erste Frau heiratete. Deren Eltern fragten die Tochter: "Willst du wirklich mit all diesen Deutschen zusammenleben?" Die Ehe hielt immerhin bis 1979, dann heiratete der Schriftsteller ein zweites Mal: die Fotografin Jill Kremetz.

US-Autor Vonnegut: Ein eigensinniger und verschmitzter Charakterkopf
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Getty Images

US-Autor Vonnegut: Ein eigensinniger und verschmitzter Charakterkopf

Vonnegut wurde 1922 in Indianapolis geboren und ist im Grunde – trotz eines umfangreichen erzählerischen Werks – ein Ein-Buch-Autor geblieben: Weltruhm verschaffte ihm der in den USA 1969 (auf deutsch 1970) erschienene und später auch verfilmte Roman "Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug". Dass es sich bei diesem Werk nicht um leichte und eingängige Ware handelt, machte schon der barock-umständliche Untertitel klar: Geschrieben sei es von "einem Deutsch-Amerikaner der vierten Generation, der jetzt in angenehmen Verhältnissen in Cape Cod lebt (und zuviel raucht), der vor langer Zeit als Angehöriger eines Infanterie-Spähtrupps kampfunfähig als Kriegsgefangener Zeuge des Luftangriffs mit Brandbomben auf Dresden… war und ihn überlebte, um die Geschichte zu erzählen".

Davon handelt der Roman: von der Schwierigkeit, als Augenzeuge einen Roman über die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 zu schreiben. Der US-Soldat Vonnegut war 1944 in den Ardennen in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und wurde in Dresden in einem Schlachthof interniert. Im Roman wird das entscheidende Erlebnis nüchtern umrissen: "Kriegsgefangene aus vieler Herren Länder kamen an jenem Morgen an einem bestimmten Ort in Dresden zusammen. Eine Anordnung lautete, hier mit dem Graben nach Leichen zu beginnen. Also begann man zu graben."

Nachdem er aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekommen sei, berichtet der Ich-Erzähler in "Schlachthof 5", Vonneguts Alter ego, "glaubte ich, es würde mir nicht schwer fallen, über die Zerstörung von Dresden zu schreiben, denn alles, was ich zu tun hätte, wäre zu berichten, was ich gesehen hatte." Doch niemand in den USA interessierte sich dafür, oder man glaubte, den Erzähler darüber belehren zu müssen, dass es in Deutschland KZs gegeben habe (seine Antwort: "Ich weiß, ich weiß, ich weiß"). Über viele Jahre wird das Projekt ergebnislos vorangetrieben ("Ich arbeitete an meinem berühmten Buch über Dresden"), Tausende von Seiten werden gefüllt und verworfen. Erst in den sechziger Jahren, zur Zeit des Vietnam-Kriegs, fand Vonnegut seine Form – "kurz, wirr und schrill", da "über ein Blutbad sich nichts Gescheites" sagen lasse.

Eine Stadt in Schutt und Asche

Und so gipfelt der Roman, der eine verrückte Mischung aus amerikanischen Alltagssituationen und bruchstückhaften Erinnerungen bietet, schließlich in einer einzigen Szene aus Dresden, für Vonnegut Inbegriff der dort gemachten Erfahrung: "Eine ganze Stadt wird in Schutt und Asche gelegt, und Tausende und Abertausende von Menschen werden getötet… Irgendwo dort wurde der arme alte Hochschullehrer Edgar Derby mit einem Teekessel ertappt, den er aus den Katakomben mitgenommen hatte. Er wurde wegen Plünderns festgenommen. Er wurde verurteilt und erschossen. So geht das."

Auch im Gespräch fand Vonnegut stets anschauliche Worte: "Bombardiert zu werden ist eine außerordentlich passive Angelegenheit. Es gibt nichts, was man tun kann – außer vielleicht zu den Bomben zu sprechen. Man hat hinterher auch nichts, worauf man stolz sein könnte. Ich wollte gleich nach dem Krieg über das Erlebte schreiben. Es gab wenig darüber, ich war damals Reporter. Das Thema war zu groß für mich – wie für jeden anderen. Ich habe einfach keinen Dreh gefunden. Das Erlebte war zu gewaltig." Dem SPIEGEL erzählte er 1998: "Ich wurde übrigens von fast allen Luftwaffen bombardiert, nur nicht von der deutschen – zunächst von britischen und amerikanischen Flugzeugen, nach der Befreiung machten dann sowjetische Maschinen auf uns Jagd, als wir über die deutschen Landstraßen irrten."

Vonnegut war ein eigensinniger und verschmitzter Charakterkopf mit Locken und Schnauzbart – und ein passionierter Raucher. Zur auch in den USA um sich greifenden Ächtung des Nikotins sagte er trotzig: "Zu dieser Ächtung kommt es, weil sonst niemand mehr da ist, den man hassen kann. Für mich sind Zigaretten eine Art, mit Depressionen fertig zu werden. Mir hilft das. Ich rauche, wenn ich arbeite, ich rauche jetzt, wo wir reden. Das Problem ist nur: Die Zigaretten bringen dich um. Aber wer weiß, ob ich mich ohne das Rauchen nicht längst selbst umgebracht hätte." So ging das bei ihm, und so wird er in Erinnerung bleiben.

Kurt Vonnegut starb im Alter von 84 Jahren in New York an den Folgen einer Kopfverletzung.

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