Belletristik
Eduardo Belgrano Rawson: "Rosas Stimme".
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. C.H. Beck, München; 384 Seiten; 22,90 Euro.
Was es wirklich auf sich hatte mit der Nacht zum 17. April 1961, mit der Landung antikommunistischer Kämpfer in der Schweinebucht auf Kuba, das schildert der Argentinier Eduardo Belgrano Rawson in diesem funkelnden, bei aller Rauschhaftigkeit wunderbar nüchternen und in seinem poetischen Anspruch klar maßlosen Roman. Ein allmächtiger Erzähler lässt die Erinnerungen einfacher Leute an den gescheiterten, von der CIA gesteuerten Angriff auf Castros Kuba ebenso lebendig werden wie führende Handlanger der Weltgeschichte. "Rosas Stimme" gehört einer Radiofrau, aber die aufregendsten Figuren sind doch Ché und Fidel und jene Freiheitskämpfer, die zwischen Gut und Böse so trennen: "Du bist ein Guerillero, wenn die Bauern dich akzeptieren. Andernfalls bist du ein Bandit."
WOLFGANG HÖBEL
Alexander Masters: "Das kurze Leben des Stuart Shorter".
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Kunstmann, München; 320 Seiten; 19,90 Euro.
Alexander Masters arbeitet in der Obdachlosenhilfe, auf der Straße lernt er Stuart Shorter kennen - obdachlos, drogensüchtig, psychisch gestört, gewalttätig - und beschließt, dessen Lebensgeschichte aufzuschreiben. Kurz vor Fertigstellung des Buches stirbt Stuart. Dass daraus kein Betroffenheitsszenario geworden ist, liegt an beiden Protagonisten: Shorter berichtet mit radikaler Aufrichtigkeit und entzieht sich allzu simplen Deutungsmustern; Masters vermeidet jeden Sozialkitsch und erzählt Stuarts Geschichte voller Humor, ohne jedoch das Tragische, Groteske und Widerwärtige zu verschweigen. "Ich kann Stuart nicht rechtfertigen oder erklären. Ich kann ihn lediglich aufs Papier bringen." Er tut das mit viel Neugier und Empathie, aber auch Fassungslosigkeit und Wut und verleiht so dem Leben am Rande der Gesellschaft Farbe und Tiefenschärfe.
JÖRG BÖCKEM
Yasmina Khadra: "Die Attentäterin".
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Nagel & Kimche, München; 272 Seiten; 19,90 Euro.
Die Wände beben im Krankenhaus, als sich in einem Fast-Food-Restaurant eine Selbstmordattentäterin in die Luft sprengt. Dann treffen die Opfer in der Tel Aviver Klinik ein, und Amin Jaafari, ein israelischer Chirurg arabischer Abstammung, kümmert sich um abgerissene Hände. Noch in der Nacht erfährt er, dass es seine palästinensische Ehefrau war, die mehr als ein Dutzend Menschen in den Tod gerissen hat. Jaafari verweigert sich erst dieser grausamen Tatsache, beginnt dann aber die Suche nach dem Warum. Er trifft muslimische Fanatiker und radikale Juden und wird selbst zum Opfer. Aktueller kann ein Roman derzeit leider kaum sein. Für den in Frankreich lebenden algerischen Ex-Offizier Mohammed Moulessehoul, der sich Yasmina Khadra nennt, ist das Thema nichts Neues, er schreibt meist über den islamistischen Terror. Psychologisch ist der bereits preisgekrönte Roman eher holprig, politisch jedoch aufschlussreich.
MARIANNE WELLERSHOFF
Daniel Glattauer: "Gut gegen Nordwind".
Deuticke, Wien; 224 Seiten; 17,90 Euro. Erscheint am 5.8.
Es beginnt zufällig. Eine fehlgeleitete E-Mail, eine höfliche Antwort - und zwei, die sich gar nicht kennen, schreiben einander plötzlich täglich. Geschützt durch die Anonymität des virtuellen Raums, erzählen sich Emmi und Leo, beide Mitte Dreißig, Dinge, die sie im wirklichen Leben verschweigen. Aber was heißt schon wirkliches Leben? "Ich kann in meinen E-Mails an Sie so sehr die echte Emmi sein wie sonst nie", schreibt sie. Ob das genügt, um der Realität standzuhalten - dieser Frage müssen sich die virtuell Liebenden stellen, als sich nicht mehr leugnen lässt, dass das Warten auf das Eingangssignal der Mailbox mittlerweile ihren Alltag bestimmt. Und das findet nicht nur Emmis Ehemann ganz und gar nicht in Ordnung. Mit "Gut gegen Nordwind" hat Daniel Glattauer eine schnelle, witzige Version des Briefromans im Zeitalter des Powerbooks geschrieben, die all jenen das Gegenteil beweist, die das kulturpessimistische Vorurteil nachplappern, E-Mails hätten keine Tiefe.
SILJA UKENA
Sachbuch
Karl-Wilhelm Weeber: "Romdeutsch - Warum wir alle Lateinisch reden, ohne es zu wissen".
Eichborn, Frankfurt/M.; 344 Seiten; 28,50 Euro.
Bei Wörtern wie "Emanzipation" oder "Urbanität" hört jeder es heraus. Aber wer weiß schon, dass auch Sekt, Onkel, Pille, Nebel, Salat, Elch, Kirsche, ja auf Umwegen sogar der Butler und die Kartoffel aus dem Lateinischen stammen? Erstaunlich tief hat die Sprache des antiken Imperiums den deutschen Wortschatz geprägt. Karl-Wilhelm Weeber, ein gewitzter Pädagoge aus Wuppertal, macht daraus einen Streifzug durch die Alltagswelt, in der auf jeder Seite lateinische Wörter rot aus dem Text funkeln. Kleine Begriffsgeschichten von "Akte" bis "Zensur", frappierende Verwandtschaften (Amphore/Ampulle/Ampel), Sprichwörter-Weisheiten und vieles mehr ergeben eine Kulturgeschichte im Sprachmosaik, wie sie sich unterhaltsamer kaum denken ließe. Höhepunkt des Spaßes ist ein Finanz-Dialog zwischen Caesar und Günther Jauch - wer Latein danach noch für öde halten will, hat wirklich selbst schuld.
JOHANNES SALTZWEDEL
Hörbuch
Rainer Maria Rilke: "Die schönsten Gedichte".
Argon, Berlin; eine CD, 74 Minuten; 5 Euro.
Es kommt oft vor, dass Hörbücher sehr schick aussehen, opulent das Cover und elegant das Booklet, und viel zu oft ist dann das, worum es geht, einfach bloß vorgelesen. Verdammt selten kommt es wie hier: Die Hülle zeigt blasse Wölkchen, die Klappentexte ("ein unnachahmlicher Sprachmagier") sind einfach bloß hingeschrieben, billig sieht das aus - und dann hört man Ulrich Tukur. Man hört, wie er leidet, lustvoll, und man hört, wie er sich zurücknimmt; mal bestimmt Rilkes Grammatik den Rhythmus, dann dessen Sehnsucht. Ulrich Tukur trägt's vor, als hätte er's geschrieben, den "Panther" zum Beispiel, "und hinter tausend Stäben keine Welt". Tukurs Rilke sticht heraus, aber es gibt noch mehr zu entdecken in Argons Lyrik-Reihe: Dieter Mann liest Hofmannsthal, Gerd Wameling liest Fontane. Man muss sich das nicht ansehen, man muss es hören.
KLAUS BRINKBÄUMER
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