Warschau - Reger Protest formiert sich gegen Polens neuen Lehrplan für Gymnasien. Verantwortlich für die Novelle zeichnet der Erziehungsminister Roman Giertych: Große Namen der Weltliteratur, darunter Goethe, Dostojewski und auch der gebürtige Pole Joseph Conrad wurden aus der Schul-Lektüre verbannt. Gegenwehr erhält der Parteiführer der nationalistisch-klerikalen Liga Polnischer Familien (LPR) nicht nur aus der Kulturwelt, sondern auch von seinen Kabinettskollegen.
Der polnische Kulturminister Kazimierz Ujazdowski hält Giertychs Entscheidung für "völlig unverständlich", wie die dpa meldet. Der neue Lehrplan bedürfe noch gründlicher Überarbeitung. Er sei wohl in unziemlicher Eile entstanden. "Wir werden die Namen der aus dem Lehrkanon gestrichenen Schriftsteller verteidigen", erklärte der stellvertretende Kulturminister Tomasz Merta in der "Gazeta Wyborza". Der Zeitung zufolge wollen nun mehrere Buchhandlungen ihre Schaufenster umdekorieren und die aus der Schule verbannten Bücher ausstellen, die teilweise mit Sonderrabatten verkauft werden sollen.
Als lächerlich bezeichnete die Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska Giertychs Lektüreliste. Werke der Weltliteratur tauchen nicht mehr auf, dafür empfiehlt der Erziehungsminister nun beispielsweise Schriften eines nationalistischen Politikers der Vorkriegszeit oder des früheren Papstes Johannes Paul II. als Schulstoff. Der Verband polnischer Verlage will ein Protestschreiben an Ministerpräsident Lech Kaczynski schicken.
Roman Giertych gilt als kompromissloser Hardliner. Er hat als harscher Kritiker Deutschlands und der europäischen Union auf sich aufmerksam gemacht, befürwortet ein absolutes Abtreibungsverbot und vertritt offen eine homophobe Einstellung. Im vergangenen Sommer entfachte Giertych bereits eine Welle des Protests, als er den Leiter des Zentrums für Lehrerfortbildung Miroslaw Sielatycki entließ. Dieser hatte ein Handbuch des Europarats mitpubliziert, das sich mit Menschenrechtserziehung und mit dem Umgang mit sexuellen Minderheiten beschäftigt. In Deutschland wurde es unter dem Titel "Kompass. Handbuch zur Menschenrechtsbildung für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit" von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht.
bos/dpa
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