Von Jochen Schönmann
Fast immer sind es Männer: Technische Angestellte, Ingenieure, Professoren, aber auch schlicht Neugierige und Bildungshungrige fühlen sich der Serie verbunden. Perry-Rhodan-Fan-Clubs oder Stammtische gibt es in der ganzen Republik.
Mit mehr als 10.000 Einträgen haben PR-Fans nach dem Vorbild Wikipedia inzwischen die offene PR-Enzyklopädie "Perrypedia" geschaffen. Sie soll Licht in die Begrifflichkeiten und das mittlerweile ins Epochale angewachsene PR-Vokabular bringen. Neue Beiträge diskutieren und kritisieren die jeweils aktuelle Handlung.
Entsprechend hoch ist bei einem so aktiven Leserkreis auch der Anspruch an die Qualität der Autorenleistung. Die unterlag in den vergangenen 45 Jahren extremen Schwankungen. Nicht jedem Exposé-Autor gelang es, sein Autorenteam so zu führen, dass es stets ein konstantes Niveau lieferte. Schwer erträglich waren häufig Patzer und Qualitätsmängel ausgerechnet am Ende großer Zyklen, also gerade dann, wenn die Nerven der Fans zum Zerreißen angespannt waren.
Heimatliche Milchstraße statt Megalomanie
Der Fairness halber sei bemerkt: Es ist nicht immer die leichteste Aufgabe, ein erdachtes Universum zu steuern. Auch nach einem halben Jahrhundert, und nachdem in der Serie mehr als 2000 Jahre vergangen sind, müssen Namen, Orte, Entfernungen die selben bleiben. Das gilt auch für die Merkmale und das Aussehen von Völkern, ihren Fähigkeiten, für die Grundlagen der Technik sowie die Kausalitäten der Serie. Und erst recht für die handelnden Personen. "Selbst die Autoren müssen mitunter vor der unüberschaubaren Datenfülle kapitulieren", gibt Stache zu.
Ein weiteres Problem ist die Handlung selbst, die mitunter drauf und dran war, die Grenzen des Vorstellbaren zu überschreiten. Denn zwischenzeitlich wurde sie von Akteuren bestimmt, deren Macht und Wissen schlicht nicht darstellbar ist. Mit einem Wort: Eine Steigerung war nicht mehr möglich.
Deswegen unterzog sich die Serie unter dem aktuellen Exposé-Autor Robert Feldhoff einer entschiedenen "Megalomanie-Diät": Zwar beeinflussen kosmische Mächte noch immer den Handlungsrahmen, im Vordergrund aber stehen wieder die persönlichen Schicksale der Protagonisten.
Mithilfe apokalyptischer Katastrophen wurden auch die technischen Möglichkeiten auf ein erträgliches Maß reduziert. Man bewegt sich wieder in der heimatlichen Milchstraße. Von gelegentlichen Abstechern mal abgesehen.
Im Gegensatz zu vorher bedeutet das: Man spielt im Vorgarten. Das erhöht den Spielraum und schafft nun wieder genau den Kosmos voller Rätsel und Unwägbarkeiten, der am Beginn des Erfolges stand.
Angebot an Neueinsteiger
Auch die Ideologie der Serie hat sich stark verändert. Während Scheer in den Anfängen in Wild-West-Manier erst schießen und dann fragen ließ, gewannen in der Hippie-Kultur der Siebziger mit dem damaligen Vordenker William Voltz spirituelle und pazifistische Einflüsse die Oberhand. Plötzlich waren alle Freunde. Auch das war zuviel des Guten.
Feldhoff blieb es überlassen, die Serie nach einer langen Krise in modernes Fahrwasser zu führen. Gemäß der pluralistischen, individualistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts herrscht nun auch im Perry-Rhodan-Kosmos die pragmatische Philosophie des "Sowohl-als-Auch", frei von jeder Dogmatik, ein postmodernes Nebeneinander verschiedener Strömungen ohne eindeutiges Gut und Böse, verwirrender aber zugleich ehrlicher, komplizierter aber toleranter, gegensätzlicher aber frischer als zuvor.
Der Jubiläumsband 2400, mit dem wieder ein neuer Zyklus beginnen soll, wird auch ein Angebot an Neueinsteiger sein, verspricht Feldhoff. Doch der Exposé-Autor gibt unumwunden zu, dass ihn hauptsächlich diejenigen Leser im gestandenen Alter interessieren, die irgendwann in früheren Jahren schon einmal Fans der Serie waren. Und das sind nicht wenige.
Über den Mangel an Junglesern beklagt er sich nicht: "Wir verkaufen unsere Hefte an eine treue Leserschaft, die zahlenmäßig größer ist, als die Jugendlichen, die überhaupt noch lesen. Wir haben mittlerweile eingesehen, dass wir uns mindestens noch 30 Jahre in einer sehr komfortablen Situation befinden."
In drei Jahrzehnten käme die Serie bis Band 4000. Eines also scheint gewiss: Perry Rhodan ist unsterblich. Relativ jedenfalls.
Rainer Stache: "Perry Rhodan, Überlegungen zum Wandel einer Romanserie", Shayol-Verlag, 3. Auflage 2003
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH