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Zum Tode Walter Kempowskis Der bürgerliche Seismograf

2. Teil: Ein Einzelgänger, der es sich selbst nicht leicht machte

Und auch das darf nicht vergessen werden: Kempowskis Karriere wäre ohne einen Mann im Hintergrund wohl nicht möglich gewesen: Fritz J. Raddatz. Der spätere Literaturchef der "Zeit", in den Siebzigern beim Rowohlt-Verlag, selbst einst aus der DDR geflohen, sorgte dafür, dass "Im Block" erschien. Von Raddatz gibt es auch eine schöne Beobachtung, nachzulesen in dessen Erinnerungsband "Unruhestifter": Auf einem seiner Feste erschien Kempowski mit einer bunten Krawatte - und nachdem Raddatz das scherzhaft kommentiert hatte, verließ der Dichter das Haus.

Unbestechlich eigensinnig

Auch das war Kempowski - ein Einzelgänger, der es sich selbst, seiner Familie und seinen Gesprächspartnern nicht einfach machte. Mit schonungsloser Offenheit hat er über seine eigenen Macken in seinen Tagebüchern berichtet. Sich selbst ins beste Licht zu stellen, war seine Sache nicht. Als SPIEGEL ONLINE ihn im Herbst 2004 in seinem Haus im niedersächsischen Nartum besuchte, da schien der festausgemachte Termin plötzlich zu kippen. Er habe eigentlich keine Zeit, beschied der Autor. Später, als das Interview autorisiert werden musste, schimpfte er am Telefon über die Länge und darüber, was er selbst gesagt hatte. "So ein Mist, das muss raus!"

Dass er die großen deutschen Literaturpreise nicht erhielt, etwa den Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, das schmerzte Kempowski Zeit seines Lebens. Er wurde zuletzt mit zahlreichen Ehrungen überhäuft, aber er machte aus seinem Unglück keinen Hehl, von der deutschen Kritik lange Zeit übersehen worden zu sein. Vor dem Interview mit SPIEGEL ONLINE zitierte er einen deutschen Großkritiker, der es abgelehnt hatte, über ihn eine Zeile zu schreiben. Der habe gesagt, da könne er ja gleich ein Telefonbuch rezensieren. Das erzählte er halb belustigt, halb aufgebracht.

Die ablehnende Haltung gegen seine Person schrieb er auch den linksliberalen Kritikern zu, die in den siebziger Jahren in den Redaktionen und Akademien saßen. Von ihnen fühlte er sich ausgegrenzt. Nachzulesen ist das in seinen Tagebüchern "Alkor" und "Sirius". Da erntet er, der ehemalige Häftling, der der DDR wenig bis nichts abgewinnen konnte und öffentlich von der Wiedervereinigung sprach, als andere sie für eine gefährliche Illusion hielten, Kopfschütteln und kühle Distanz.

Die Kunst des Zusammenhaltens

Es war Kempowski eine Genugtuung, dass die Nachgeborenen der 68er ihn in den Neunzigern aufs Schild hoben. Seine Tagebuchcollagen waren für die mit TV-Zappen und Medienschnipseln aufwachsenden 30- bis 40-Jährigen hochmodern. In ihm sahen sie einen, der die auseinanderfallende Welt schreibend zusammenzuhalten versuchte und zugleich ihren fragmentarischen Zustand abbildete.

Dem Tod hat er ganz bewusst entgegengeblickt. Wie er sterben möchte, wurde er zuletzt gefragt. So wie Theodor Fontane. Der habe zu seiner Tochter beim Essen gesagt: "Ich geh' eben mal nach nebenan." Als sie nach einer Viertelstunde zurückkam, habe der Schriftsteller tot auf dem Bett gelegen. "Wird mir wohl nicht vergönnt sein", sagte Kempowski.

In der Nacht auf Freitag verstarb er um drei Uhr morgens. In einem Krankenhaus in Rotenburg/Wümme, im Beisein seiner Familie.

Severin Weiland (43) ist stellvertretender Leiter im Hauptstadtbüro und politischer Korrespondent in Berlin. Die Bücher Walter Kempowskis haben ihn seit seiner Jugend begleitet.

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