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16.11.2007
 

Kinderbuch-Streit in der Türkei

Erdogans Ärger über Heidi

Alm-Öhi trägt zwar einen Vollbart - aber für einen Taliban hält ihn wohl niemand. Dennoch ist jetzt in der Türkei ein Streit darüber entbrannt, ob eine türkische "Heidi"-Ausgabe den Islamismus befördert. Andere Kinderbuchhelden haben sogar noch größere Image-Probleme.

Hamburg - Heidi ist ja so etwas wie eine Ikone mitteleuropäischen Anstands, ein Prachtmädchen reinen Herzens sozusagen, jeglicher fundamentalistischer Tendenzen völlig unverdächtig. Umso erstaunlicher erscheint nun der Vorwurf, den ein Teil der türkischen Presse gegen die Kinderbuchheldin erhebt: "Heidi" leiste den fundamentalistischen Tendenzen in der Türkei Vorschub. Das Boulevardblatt "Hürriyet" etwa zürnt: "Jetzt werden schon Kinderbücher für die Kopftuch-Propaganda benutzt".

Kinderbuchheldin Heidi: "Kopftuch-Propaganda"
AP

Kinderbuchheldin Heidi: "Kopftuch-Propaganda"

Der journalistische Furor entzündet sich an einer Illustration in der türkischen Ausgabe des Kinderbuch-Klassikers "Heidi" der Schweizer Autorin Johanna Spyri. In dem Buch ist die Großmutter von Heidis Freundin, der in den Rollstuhl gefesselten Klara Sesemann, mit einem Kopftuch zu sehen. Und nicht genug damit: Überdies trage die Großmutter einen weiten Mantel von der Art, wie er besonders bei frommen Musliminnen in der Türkei beliebt sei, monierte die Zeitung "Aksam".

Ebendies nimmt nun die laizistische Opposition im Land als Vorlage. Sie unterstellt der Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan von der konservativen Partei AKP nun, sie wolle das öffentliche Leben weiter islamisieren.

Der Hintergrund des Streits ist folgender: "Heidi" findet sich auf einer vom türkischen Bildungsministerium erstellten, 100 Titel umfassenden Liste mit Werken, die Eltern und Lehrern als Leitfaden dienen soll: Was sollen die Kinder lesen? Auf der Liste steht neben Klassikern wie "Pinocchio" oder "Robinson Crusoe" eben auch "Heidi".

Das Ministerium hat zwar nur eine Liste mit Titeln herausgegeben, ohne gleichzeitig Verlag oder Edition anzugeben - aber genau das wird ihr im aktuellen Streit zum Verhängnis. Da die Urheberrechte der meisten Klassiker abgelaufen sind, nehmen sich viele türkische Verlage das Recht heraus, die Bücher für den heimischen Markt so zu gestalten, wie es ihnen und den Käufern beliebt - und daher sieht Klara Sesemanns Oma plötzlich aus wie ein frömmelndes anatolisches Großmütterchen.

Allah haucht Pinocchio Leben ein

"Heidi" ist dabei nicht der einzige Streitfall - und es geht nicht nur um Illustrationen, sondern auch um Eingriffe in die Originaltexte oder Erläuterungen dazu. So findet sich im Vorwort einer türkischen Ausgabe von "Pinocchio" der Hinweis, dass nur Allah Holzpuppen zum Leben erwecken könne. Und Pinocchios Schöpfer Gepetto trägt - eher ungewöhnlich für einen italienischen Tischler - einen Fez. Auch "Heidi" wurde nicht nur mit fragwürdigen Illustrationen versehen - der Geschichte wurden kurzerhand Gebetsszenen hinzugefügt.

Dass der Streit jetzt ausbricht, überrascht allerdings, denn die besagte Liste ist nicht neu; das Bildungsministerium hatte sie bereits im Juli 2005 herausgegeben. Und Ende August dieses Jahres hatte die linksliberale türkische Tageszeitung "Radikal" auf der Basis von Forschungsergebnissen einer Gruppe liberaler Wissenschaftler viele Editionen heftig kritisiert.

Der Bildungsminister hatte schon damals Eltern und Lehrer gebeten, auf die richtige Übersetzung zu achten - nicht ganz unproblematisch, wenn von manchen Titeln mehrere Dutzend Übersetzungen kursieren. Und nicht sonderlich geschickt, wenn die laizistische Opposition auf jeden Fehler des konservativen Erdogan begierig lauert.

tdo

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