Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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24.01.2008
 

Israelischer Anti-Kriegs-Roman

Die Ausgetrunkenen

Von Jenny Hoch

Der Journalist Ron Leshem dekonstruiert in seinem Debütroman "Wenn es ein Paradies gibt" den Mythos des israelischen Militärs. Zugleich ist ihm mit dem radikalen Antikriegsbuch eine universelle Reflexion über Angst und Niederlage gelungen.

Es gibt da dieses Spiel. Sie spielen es tags, sie spielen es nachts, sie spielen es lachend, sie spielen es weinend. Es heißt "Er wird nicht mehr" und sie spielen es oft - jedes Mal, wenn ein Kamerad getötet wird. Der Trick dabei ist, sich spontan besonders ungewöhnliche Dinge auszudenken, die der gefallene Soldat nun nicht mehr tun wird. Also: den kleinen Bruder ins Kino mitnehmen, vom höchsten Berg in Südamerika pinkeln, eine Wohnung zusammen mit seiner Freundin mieten oder einfach nur wissen, wie es ist, aus dem Libanon raus zu sein.

Der legendäre Stützpunkt Beaufort im Südlibanon. Eine alte Kreuzfahrerfestung, die die israelische Armee bis zum plötzlichen Rückzug im Jahr 2000 insgesamt 18 Jahre lang besetzt gehalten hat. Das ist der klaustrophobische Un-Ort, an dem Ron Leshems Roman "Wenn es ein Paradies gibt", zu großen Teilen spielt. Im Frühjahr 1999 treffen dort 14 neue Soldaten ein. 14 junge Männer, die zwar während ihrer Ausbildung militärischen Drill kennen gelernt, aber ansonsten nichts als Mädchen, Partys und Unsinn in den gerade eben volljährigen Köpfen haben. Ihr Offizier ist der hitzige Ich-Erzähler, der erst 21-jährige Eres.

Aus dessen Sicht schildert der israelische Journalist und Schriftsteller Leshem, 31, die Qualen und Torturen eines sinnlosen Krieges. Denn in Beaufort zu sein, bedeutet, in atemberaubend schöner Bergkulisse, in sinnlich wuchernder Natur dem kalten Tod beängstigend nahe zu sein. Es bedeutet, bis an die Zähne bewaffnet einen Mythos zu verteidigen, aber inzwischen ohne konkretes militärisches Ziel. Es bedeutet, wochenlang bewegungslos in einer schlecht belüfteten Grabkammer auszuharren. Es bedeutet zermürbende Langeweile, ohne Dusche, ohne Ablenkung, ohne Hoffnung. "Willkommen", sagt der Kommandeur im Buch zu den Neulingen, "wenn es ein Paradies gibt, dann sieht es genau so aus, und wenn es eine Hölle gibt, dann fühlt sie sich genau so an."

Mit Heldentum hat das alles wenig zu tun, die hochfliegenden Träume der jungen Männer von Verteidigung des Vaterlandes, von heroischer "Feindberührung" zerplatzen angesichts der lähmenden Sinnlosigkeit der Mission bald wie blutige Seifenblasen. Eres hat es zunehmend schwer, die Moral seiner Schützlinge nicht komplett in den Keller sacken zu lassen. "Warum sitze ich hier bei Minusgraden im Schnee? Warte darauf, irgendeinen Araber runterzunehmen, der irrtümlicherweise beschlossen hat, um drei Uhr morgens aus dem Bett zu kriechen? Ergibt das für dich Sinn? Und in den stinkenden Mülleimer zurückzukehren, in dem ich schlafe, ergibt das Sinn?", bearbeitet ihn sein Freund und einziger Vertrauter Oschri.

Chips können den Tod bedeuten

"Wenn es ein Paradies gibt" ist Leshems erstes Buch, in Israel traf es auf Anhieb einen Nerv, den Nerv einer zunehmend kriegsmüden Nation. Es stand über ein Jahr lang auf den Bestsellerlisten, wurde mit dem renommiertesten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet, dem Sapir-Preis, und schließlich unter dem Titel "Beaufort" von Joseph Cedar verfilmt. Der Film gewann im vergangenen Jahr auf der Berlinale den Silbernen Bären und ist für den Auslandsoscar nominiert.

Der Roman hat eine dokumentarische Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann. Leshem nimmt den Leser mit ins Innere der Maschinerie namens Militär. Er lässt ihn teilhaben an den Gesprächen, den Blödeleien der Jungs, an ihren Ängsten und ihrem Alltag. Es sind vor allem die Details, die diese hermetisch abgeschlossene Welt präzise beschreiben: Stiefel ausziehen auch nachts verboten, raschelnde Chipstüten im getarnten Wachunterstand können den Tod bedeuten, und vor allem ist da dieses unbegreifliche Nebeneinander der Welten: hier der erbarmungslose Krieg, die Abgeschiedenheit der Festung, dort das aufregende Nachtleben Tel Avivs, die Cappuccino-schlürfenden, sorglosen Zivilisten. " Und sechs Flugminuten von hier – es gibt keinen Gott! – läuft in irgendeinem Einkaufszentrum so ein Geschoss rum, eine, der hinten der Tanga rausguckt, und ihre größte Sorge ist die Wahl zwischen einem Shampoo aus Mandarinen, Ingwer und Grünem Teeextrakt", bringt es Oschri auf den Punkt.

Ron Leshem hat selbst nie eine Uniform getragen, er absolvierte seinen Militärdienst im Verteidigungsministerium in Tel Aviv – unter komfortablen Bedingungen. "Das ist auch eine Frage, die ich mit meinem Roman stellen wollte", sagt Leshem bei einem Interview in Berlin, "wen schicken wir überhaupt in Brennpunkte wie Beaufort oder den Gaza-Streifen? Alle, die Geld oder Beziehungen haben, leisten ihren Dienst in Elite-Einheiten in Tel Aviv ab, es sind die Jugendlichen aus den unterprivilegierten Schichten, Immigranten oder Religiöse, die die Drecksarbeit erledigen."

"Ja Bruder, das ist fucking Saigon hier"

Aufgewachsen ist Leshem in der Nähe von Tel Aviv in einem akademischen, linksorientierten Milieu. Er studierte Jura und arbeitete als Journalist. Es war sein damaliger Chefredakteur, der ihn in den Gaza-Streifen schickte, "um den Geruch des Krieges zu schnuppern".

"Ich war total schockiert, weil ich dort plötzlich begriff, dass ich von nichts eine Ahnung hatte, " sagt Leshem, "ich lebte in einer Blase." Also fing er an, den Soldaten zuzuhören, sich in sie hineinzuversetzen. Er notierte sich jeden einzelnen Fluch in seinem Block, und als er hörte, wie ein 21-jähriger Offizier sagte "Ja Bruder, das ist fucking Saigon hier", wusste er, dass er den richtigen Sound für sein Buch gefunden hatte.

Es sind Kinder, denen die Verantwortung aufgebürdet wird, ihr Vaterland zu verteidigen. Im Buch errichten sie auf dem Stützpunkt so etwas wie ein eigenes Königreich mit eigenen Regeln und eigener Sprache. In dieser Sprache gibt es auch Wörter für das, was eigentlich nicht laut ausgesprochen werden darf: für die Angst. "Ausgetrunken sein" nennen sie diesen Zustand, und restlos ausgetrunken sind am Ende alle Überlebenden, als sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion den verhassten Stützpunkt endlich räumen dürfen und schwer traumatisiert nach Hause zurückkehren.

In Israel symbolisierte der Rückzug aus dem Libanon einen Wandel der Gesellschaft. Man war nicht mehr bereit, noch weitere Opfer hinzunehmen. Man war an dem Punkt angekommen, eher seinen Nationalstolz aufzugeben, als weiter Soldaten zu begraben. "Wenn es ein Paradies gibt" ist ein leuchtendes Mahnmal für diese Wandlung. Kein Kriegsroman, sondern ein Rückzugsroman. Ein Plädoyer dafür, dass eine Niederlage so viel stärker machen kann als jeder mit Blut erkaufte Sieg.


Ron Leshem: "Wenn es ein Paradies gibt", Rowohlt Berlin, 348 Seiten, 19,90 Euro

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