Von Reinhard Mohr
Zu den fieberhaften Aktivitäten dieser Stunden gehörte auch die Bildung eines Öffentlichkeitsausschusses, der auf dem Kurfürstendamm und anderswo versuchte, den Bürgern der Stadt zu erzählen, wie es wirklich war. "Es gab plötzlich eine für alle überraschende Kraft zu Begegnungen und Diskussionen", erinnert sich SDS-Mitglied Peter Mosler. "Studenten, die sich nicht kannten, richteten ohne Zögern das Wort aneinander, in allen die glühende Wut gegen die Lügen der Zeitungen und die Verdrehungen des Senats ... Das Gefühl großer Gemeinsamkeit und des Zusammenhalts schwappte auf alle über, es gab die Stimmung: hic Rhodus, hic salta, jetzt springe ich!" Aus der quälenden Empfindung politischer Machtlosigkeit erwuchs das Gefühl einer neuen, bislang unbekannten Stärke.
Für eine Woche rissen die Studenten den Lehrbetrieb an sich. Das Metathema aller Veranstaltungen: Gegenöffentlichkeit durch Gegeninformation. Im folgenden Wintersemester 1967 wurde daraus die "Kritische Universität", die Idee einer "autonomen", selbstbestimmten Wissenschaft.
Obwohl alle öffentlichen Versammlungen in Berlin verboten worden waren, sah man an vielen Ecken der Stadt heftig diskutierende Menschentrauben. In gewisser Weise war dies die erste direkte, gleichsam "authentische" Begegnung der Rebellen mit den normalen Bürgern, dem Volk, das sie sonst vorwiegend aus der "Bild"-Zeitung kannten.
Hier und da setzte es allerdings auch volkstümliche Prügel für einen der Flugblattverteiler, und in Briefen an den AStA der FU wie den SDS kam Volkes Stimme der "anständigen Berliner" zuweilen ganz ungefiltert zum Ausdruck: "Wir hätten gleich mit dem MG dazwischengehalten, damit euch Halunken ein für allemal die Lust am Radau vergangen wär’", heißt es da. Oder auch: "Mir graust, wenn ich daran denke, dass dieser Pöbel später mal die Führerschicht in unserem Vaterlande stellen soll. Hier fehlt ein Innenminister wie Hermann Göring, der mit den Ganoven aus dem Scheunenviertel spielend fertig wurde."
Auch ein anderer Brief knüpfte nahtlos an die Nazizeit an: "Ungeziefer muss man mit Benzin begießen und anzünden! Tod der roten Studentenpest!" Ein weiterer Briefschreiber empfahl die Methode: "durch den Ofen jagen, das ganze Pack!" Direkt an die Witwe Ohnesorg gerichtet riet ein Anonymus: "Der Tod Ihres Mannes kann noch einen Sinn haben, wenn es Ihnen gelingt, dem Kind, das Sie erwarten, klarzumachen, dass sein Vater ein Fehlentwickler war." Selbst Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses bedienten sich einer Sprache, deren Herkunft aus dem "Dritten Reich" kaum zu leugnen war. In der Parlamentsdebatte vom 8. Juni, dem Tag der Überführung von Ohnesorgs Leichnam nach Hannover, redete der SPD-Abgeordnete Theis davon, dass man die "Unbelehrbaren ... aus dieser Gemeinschaft ausgliedern" müsse, während der CDU-Parlamentarier Heinschke ganz bildlich wurde und zum "Herausoperieren" des politisch renitenten, gleichsam kranken "Blinddarms" riet.
Erst nach und nach meldeten sich andere Stimmen zu Wort, die politisch Klartext sprachen, auch in der sogenannten "bürgerlichen Presse". In der "FAZ" schrieb Karl Heinz Bohrer, die Polizei habe "ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung, einer Brutalität Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde". Schärfer noch verurteilte Sebastian Haffner im "Stern" die Berliner "Blutnacht" als einen "systematischen, kaltblütig geplanten Pogrom".
Theodor W. Adorno, der sonst Tagespolitik und Wissenschaft strikt trennte, sah sich am 6. Juni außerstande, seine Vorlesung "Ästhetik I" an der Frankfurter Universität zu beginnen, "ohne ein Wort zu sagen über die Berliner Vorgänge" und dabei seine "Sympathie für den Studenten auszusprechen, dessen Schicksal, gleichgültig, was man berichtet, in gar keinem Verhältnis zu seiner Teilnahme an einer politischen Demonstration steht".
Unterdessen war der Druck auf den Senat so groß geworden, dass ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde.
Am 8. Juni dann gaben 15.000 Menschen Benno Ohnesorg das letzte Geleit bis zum Grenzkontrollpunkt Dreilinden, wo der Trauerkonvoi aus zweihundert Wagen ohne jegliche Formalitäten durchgelassen wurde. Mehr noch: Rund tausend DDR-Bürger, darunter viele FDJler, die Jugendorganisation der SED, erwiesen dem Toten die Ehre: "Wir verneigen uns vor den Opfern des Neonazismus" stand auf Transparenten und "Wir gedenken aller Opfer des Westberliner Polizeiterrors". Ein seltener deutsch-deutscher Augenblick.
"Irgendwie hat mir das ein irres Ding gegeben damals, Benno Ohnesorg", erzählt Bommi Baumann, der am Straßenrand stand. "Echt, sein Sarg, wo der an mir vorbeigefahren ist, hat’s richtig kling gemacht. Da ist einfach irgendetwas abgefahren." So war es bei vielen. Ein Abgrund hatte sich aufgetan zwischen dem Staat und den rebellierenden Studenten. Die Konfrontation zweier Welten, zweier feindlicher Lager, nicht zuletzt: zweier Generationen, nahm ihren Lauf.
"Das postfaschistische System in der BRD ist zu einem präfaschistischen geworden" – derart apodiktisch beschrieb der SDS-Bundesvorstand die Situation nach dem 2. Juni 1967.
Der alte Verdacht vom Fortwirken des Nazigeistes, das schien nun vielen gewiss, hatte sich bestätigt. Nicht nur Gudrun Ensslin sprach an diesem Wendepunkt von der Auschwitz-Generation, mit der man eben nicht reden könne: "Wir müssen uns bewaffnen!", forderte sie.
Auch andere fragten sich nun, ob angesichts der "manifesten Gewalt" des Staatsapparates neben "Aufklärung und Gegenöffentlichkeit" nicht auch "Gegengewalt" zur Debatte stehe – Angriff statt Verteidigung.
Heute besteht kein Zweifel mehr: Das mit einer einzigen Jahreszahl verknüpfte historische Ereignis – die Revolte von 1968 – begann am 2. Juni 1967.

S PIEGEL ONLINE veröffentlicht diesen Buchauszug mit freundlicher Genehmigung wjs Verlags, Berlin. © wjs Verlag 2008
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