• Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.02.2008
 

Langhans-Biografie

Höschen-Träume in der Haftanstalt

Sex, Selbstfindung, Revolution: Die Kommune I ging als 68er-Mythos in die Geschichte ein. In seiner entwaffnend ehrlichen Autobiografie erzählt Rainer Langhans, wie verklemmt es dort wirklich zuging. SPIEGEL ONLINE zeigt exklusiv einen Auszug - mit überraschenden Einsichten und Enthüllungen.

Ich habe mich sehr früh mit der Frage beschäftigt, wer ich bin und was ich hier soll. Was das Ganze überhaupt soll. Schon als Kind ging es mir so, dass alle anderen seltsam unbeschwert auf mich wirkten. Wie hinter einer Milchglasscheibe schaute ich ihnen zu, wie sie redeten, lebten, ihr Ding machten. Ich gehörte nicht dazu. Mein Normalzustand war, dass ich mich fremd fühlte und nicht wusste, wie das Leben funktioniert. Weder im Großen noch im Kleinen. Selbst Danke oder Guten Tag sagen fiel mir schwer. Ich spürte den richtigen Moment nicht.

Ich habe mich gefragt: Warum bin ich das Kind meiner Eltern? Warum bin ich nicht wie meine Geschwister oder meine Kameraden, die so unbefangen miteinander umgehen? Ich wusste nicht, was mit mir los ist. Das ging soweit, dass ich das Gefühl hatte, aus dem Körper herauszufallen. Ich habe damals nicht viel herausgefunden mit dem ewigen Reflektieren, diesem Bohren in mir selbst. Da waren keine Ergebnisse, Erkenntnisse oder Sinnzuwächse, die ich hätte verzeichnen können.

Und dann gab es einen ersten Schimmer von Begreifen - in der Studentenrevolte. Plötzlich waren alle um mich herum von dem Gefühl überwältigt, dass ein ganz anderes Leben möglich wäre. Für mich jedenfalls war es entscheidend, man kann fast sagen lebensrettend, als ich das erste Mal sah: Ich bin gesund, und krank ist die alte Ordnung, die mich bisher so bedrängt hat mit ihrer vermeintlichen Richtigkeit.

Weil ich so dringend Veränderungen brauchte und diese Zeit so intensiv erlebte und damit auch verkörperte, bin ich zu dieser etwas merkwürdigen und bekannten Figur geworden, die für viele Leute wichtig war. Zu Beginn war ich nicht politisch oder links, und ich wollte nicht die Welt verändern. Es war nichts davon.

Ich habe mich einfach reingestürzt. Mehr als viele andere.

Meine Exkommunarden sagen heute noch: Du spinnst. Die Geschichten mit deinen Frauen, das ist doch alles Quatsch. Du hast eine Macke gehabt. Und das Guruding sowieso.

Wir alle konnten nur einen kleinen Sprung in ein neues Leben machen und uns eine Weile darin aufhalten, was schon ungeheuer viel ist. Von heute auf morgen alles verändern - subito! -, das konnten wir nicht.

Als die Bewegung zusammenbrach, hatte ich das gleiche Problem wie viele andere - nämlich, zu überleben. Ich wollte keineswegs mehr in meinen alten Körper und in die alte trostlose Welt zurück, wo jeder einem nur sagt: Was willst du hier eigentlich? Du gehörst nicht zu uns, du gehörst nirgendwohin.

Viele aus der Bewegung sind verschwunden. Sind erschossen worden oder haben sich umgebracht. Kamen von Trips nicht mehr zurück. Sind in bürgerliche Existenzen eingetaucht und haben so getan, als ob nicht viel gewesen wäre. Andere haben versucht, auf kleinen Inseln weiterzumachen. Zu diesen gehörte auch ich - bis ich irgendwann dachte: Das ist das Ende. Ich wusste nicht mehr weiter.

In diesem Augenblick kam die entscheidende Wende. Ich bin eine Zeit lang aus dem Leben verschwunden und habe meine gesellschaftliche Existenz und sämtliche Gewohnheiten noch einmal sehr viel massiver in Frage gestellt als in der Zeit der Kommune.

Zur Person

Rainer Langhans, geboren 1940 in Oschersleben bei Magdeburg, gilt neben Fritz Teufel und anderen als Symbol der Außerparlamentarischen Opposition der 68er-Studentenbewegung. 1967 zog er in die legendäre Kommune 1 in Berlin, wo er das Fotomodell Uschi Obermaier kennen und lieben lernte. Seit 1976 lebt er als Autor und Filmemacher zusammen mit fünf Frauen, seinem "Harem", in München-Schwabing.
Seit meiner spirituellen Klausur, die länger als zehn Jahre dauerte, bewege ich mich wieder mehr nach außen. Es ist bis heute so, dass ich meine inneren Erfahrungen nicht privatistisch verstecken - ein Erbe meiner 68er-Erfahrungen -, sondern mit dem Außen verbinden möchte.

Das heißt nicht, dass ich viel erreicht hätte. Im Gegenteil. Ich halte mich nach wie vor für einen Stümper. Für einen ziemlich unerfahrenen Menschen. Und habe auch zu meinem Entsetzen festgestellt, dass ich gar nicht dieser großartige geistige Mensch bin, für den ich mich hielt. Sondern eigentlich ein ziemlich stumpfsinniger Mensch - gemessen an den neuen Möglichkeiten, die ich jetzt sah. Das mag ja in der Studentenbewegung noch ganz toll gewesen sein, da gehörte ich mit zu den Größten, aber danach, an neuen Maßstäben gemessen, überhaupt nicht mehr.

Es gibt einen Dämon, der mich treibt, die berühmte Frage zu beantworten: Warum bin ich hier? Er verlangt eine Antwort von mir, aber nicht die Antwort des Wissens. Er will, dass ich richtig lebe, und er lässt mich nie entspannt sein, so dass ich sagen könnte: Okay, ich habe einiges erreicht und bin irgendwo angekommen, jetzt bin ich hier, und es ist alles ganz gut so wie es ist - sondern er treibt und treibt mich weiter und lässt mir keine Ruhe. Ich habe dazulernen können, so dass ich nicht nur von ihm in fürchterlichen Stößen getrieben und geschleift werden muss, sondern dass ich einigermaßen, wenn auch stolpernd, mit ihm Schritt halten kann: ich muss tun, was ich tue, ich bin bereit, mich zu verändern, mache die Dinge vielleicht nicht mehr so sehr verkehrt, dass er mir wieder einen Tritt geben muss: wieder falsch, komm jetzt, los, los, los ...

Darauf beruht mein zunehmendes Glück.

Das Schlimmste war, dass ich lange Zeit keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Zuversicht besaß, dass das besser werden könnte, mein Leben.


Rainer Langhans: "Ich bin's. Die ersten 68 Jahre." Blumenbar Verlag, 256 Seiten mit 16 Seiten Bildteil, 19,90 Euro

Christa Ritter und Rainer Langhans (Hg.): "K1 - Das Bilderbuch der Kommune". Blumenbar Verlag, 192 Seiten, 24,90 Euro


"Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment": Bis heute gilt diese Parole als das Motto der sexuellen Befreiung der 68er-Generation. Keine Privatsphäre, keine Tabus, jeder mit jedem - die Realität sah allerdings etwas anders aus. Wie problembeladen der Umgang mit Sex und dem jeweils anderen Geschlecht tatsächlich war, das belegen Rainer Langhans' Briefe an seine damalige Freundin Uschi Obermaier aus der JVA Moabit. Dort war der Kommunarde zusammen mit Dieter Kunzelmann wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung 1969 inhaftiert. SPIEGEL ONLINE hat Stellen gefunden, die Sie überraschen werden:

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP