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23.02.2008
 

Stephen Kings "Wahn"

Jucken und Zucken im Geister-Arm

Von Andreas Borcholte

Kunst als Kanal fürs Übersinnliche: In seinem neuen Roman "Wahn" verarbeitet Horror-Altmeister Stephen King seinen schweren Unfall und beschreibt die Qualen eines Rekonvaleszenten, der einen Arm verliert - aber ein ungeahntes Talent gewinnt.

Eigentlich verbietet es sich, Zusammenhänge zwischen Erzähltem und Erlebtem herzustellen, aber Stephen King macht es seinen Lesern neuerdings leicht, Fiktion und Realität zu vermischen. Seit kurzem verbringt der 60-jährige Horror-Altmeister aus Maine die Wintermonate im sonnigen Florida, wo er eine Art Alterssitz unterhält. Von Ruhestand kann allerdings keine Rede sein, auch wenn King bereits 2002 ankündigte, kürzer treten zu wollen und damit seinen Fans den wahrscheinlich größten Grusel seiner ganzen Karriere bereitete. Doch kein Grund zur Panik: Seitdem war der Vielschreiber sehr produktiv und veröffentlichte mehrere Erzählungen, Kurzgeschichten und Romane.

Schriftsteller King: Vermischung von Fiktion und Biografie
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Amy Guip

Schriftsteller King: Vermischung von Fiktion und Biografie

Der jüngste heißt "Wahn" und ist soeben auf Deutsch erschienen. Er spielt, wer hätte das gedacht, in Florida auf einer fiktiven Insel im Golf von Mexiko. Auf diesem vom Massen-Tourismus wundersamerweise verschonten "Duma Key" (so auch der Originaltitel des Buches) mietet Edgar Freemantle ein Ferienhaus. Der erfolgreiche Bau-Unternehmer aus Minnesota hatte einen unerfreulichen Unfall auf einer seiner Baustellen, bei dem er um ein Haar von einem Kran zerquetscht worden wäre und dabei schwere Kopfverletzungen erlitt und seinen rechten Arm verlor.

Nach vollzogener Reha soll Freemantle in der Sonne Floridas lernen, mit seiner Behinderung zu leben - und den durch Erinnerungslücken ausgelösten Jähzorn zu kontrollieren, der seine Frau dazu veranlasste, die Scheidung einzureichen. Der Rat seines Therapeuten gegen die drohende Depression: "Malen, um die Dunkelheit in Schach zu halten."

"Big Pink" tauft Freemantle das rosafarbene Haus mit dem grandiosen Ausblick aufs Meer - und entdeckt bald darauf, dass aus seinem bisher dürftigen Zeichentalent eine große Begabung geworden ist. Bild um Bild des farbenprächtigen Sonnenuntergangs bannt er auf die Leinwand und garniert die Kitsch-Szenerie mit immer neuen Gegenständen und Personen und gerät beim Malen mehr und mehr in einen rauschhaften Zustand.

"Vorsicht, Kinder"

Die Redewendung "Es juckte ihn, ein neues Bild zu malen" erhält hier eine ganz neue Bedeutung, denn Edgars Kreativschübe werden von enervierenden Phantomschmerzen in seinem nicht mehr vorhandenen Arm begleitet. Bald stellt sich heraus, dass die Insel ein düsteres Geheimnis birgt und eine ebenso finstere Macht den blessierten Bau-Unternehmer als Medium benutzt, um eine alte Rechnung zu begleichen. Das idyllische Subtropen-Eiland wird zur Kulisse für eine alptraumhafte Gespenster-Geschichte.

Die Idee zu dem Buch sei ihm gekommen, sagte King, als er in Florida einen langen Strand-Spaziergang unternommen hatte und an einem Schild vorbeikam, auf dem "Vorsicht, Kinder" stand. Er habe darüber nachgedacht, welche Gefahr wohl Kinder darstellen könnten, und so gehören zwei aus ihrem nassen Grab entkommene kleine Mädchen, die Edgar in seiner Sommer-Residenz heimsuchen, zu den gruseligsten Elementen in "Wahn".

Aber der Horror, mit dem Stephen King mehr als 40 Romane gefüllt und es zu einem Jahreseinkommen von geschätzten 50 Millionen Dollar gebracht hat, kommt erst sehr spät zum Zuge. Wie schon in seinem letzten Großwerk "Love" geht es auch im neuen Buch nicht mehr vordergründig um Ängste, die durch Übernatürliches oder Monstern ausgelöst werden.

Seit einem Unfall vor acht Jahren auf einer Landstraße nahe Kings Anwesen im US-Bundesstaat Maine, bei dem der Schriftsteller von einem betrunkenen Lieferwagenfahrer angefahren wurde und lebensgefährliche Verletzungen erlitt, verarbeitet er diese Nahtod-Erfahrung und die schmerzhafte Zeit der Rekonvaleszenz immer wieder auch in seinen Büchern. Zuerst als faktische Darstellung in seinem intimen Schreib-Leitfaden "On Writing", später in einem der letzten Bände seines "Dark Tower"-Zyklus, in dem er selbst eine Rolle spielte, und nun - erstmals komplett fiktionalisiert - in "Wahn".

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