So liest sich der neue Stephen King auf den ersten 200 Seiten wie eine Mischung aus Richard Powers' Hirnforschungsdrama "Das Echo der Erinnerung" und Richard Fords Altmänner-Meditation "Die Lage des Landes". Viel Raum gibt King den inneren Dämonen seines Protagonisten: die zerbrochene Ehe, die ungleich verteilte Liebe zu seinen beiden erwachsenen Töchtern, Edgars Ringen mit dem Verlust seiner Mobilität. Dass King es rein sprachlich mit den großen US-Romanciers aufnehmen kann, hat er zuletzt in "Love" demonstriert, der Geschichte eines durch den Tod des Mannes getrennten Ehepaares, das sich mit seiner eigenen, aus intimen Codes und Geheimbegriffen zusammengesetzten Sprache der Liebe sogar noch bis ins Jenseits hinein verständigen kann.
In der Literaturszene Amerikas gilt King indes noch immer als Schmuddelkind, der Millionen mit Schund verdient. In "Wahn" macht sich King nun einen Spaß daraus, seinen Status als verkanntes Talent aufs Korn zu nehmen. Mit seinen an Salvador Dalí erinnernden Surrealitäten wird Edgar Freemantle zum neuen Darling der Kunstszene Floridas. Die lokale Kritikerin nennt den Spätberufenen, der sich mit Baugruben und Traufhöhen besser auskennt als mit Kunst-Stilen und Malerei-Epochen, einen wahren "American Primitive". Ein Instinktgetriebener, der seine Kunst aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf heraus holt, so sieht sich vielleicht auch der Schriftsteller King. Ein nicht sehr subtiles, aber sympathisches Statement gegen das Literatur-Establishment.
Kanal ins Unterbewusste
Dabei will "Wahn" es durchaus mit den großen Künstlerromanen aufnehmen. Waren es in seinen früheren Büchern oft Schriftsteller, die kraft ihrer schreiberischen Talente ins Übersinnliche gerieten, probiert sich King nun an der Malerei aus. "Malen ist Erinnerung", sagt Edgar an einer Stelle des Buches, und es ist klar, dass es King erneut darum geht, seinen Lesern das Wunder und die unerklärliche Magie der Kreativität nahezubringen.
Wenn Freemantle sich zwanghaft an seinem geisterhaften Arm kratzen will, weil er juckt, dann ist das ein schönes Bild für die Entzugserscheinung der Sucht, die jede Begabung auszulösen vermag. Wenn dieser faszinierende Kanal zum Unterbewusstsein erst einmal geöffnet ist, wenn die Bilder und Worte fließen wollen, dann ist auf dem kleinsten Zettel Raum für große, suggestive Gemälde und Geschichten.
Die Horror-Story, die Stephen King in "Wahn" erzählt, gehört leider nicht zu seinen besten. Zuweilen kommt der 800-Seiten-Wälzer trotz ausgefeilter Spannungsdramaturgie auch ein bisschen geschwätzig daher. Die Ehrfurcht vor der Kunst als übernatürliche Kraft aber, von der man nur glaubt, sie kontrollieren zu können, lässt tief in Kings eigene Beschäftigung mit seinen Ängsten und Obsessionen blicken: Wenn man Kreativität nicht beherrschen kann, dann - oh Graus - wird sie einem vielleicht wieder genommen, bevor man sie vollends ausschöpfen konnte.
Der gute alte Juckreiz hat den manischen Schreiber King schon längst wieder gepackt. Der nächste Roman, deutete er auf seiner Website an, soll mehr als 1000 Seiten haben. Zunächst aber erscheint im Herbst eine Sammlung mit Kurzgeschichten. Sie tut ihm wohl gut, die Sonne Floridas.
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