Von Peter Henning
Der US-Autor John Gardner schickte Anfang der Siebziger im legendären Iowa-Writers-Workshop seine Schüler mit dem Gebot "In einer Kurzgeschichte zählt jedes Wort" ins Rennen um Buchverträge, Preise und Leser. Unter seinen Schülern befand sich ein gewisser Raymond Carver. Er setzte Gardners Forderung am direktesten um – und avancierte mit ganz und gar schnörkellosen Storys zum amerikanischen Tschechov. Mit Carver kamen leere Milchtüten und schmutzige Wäsche in die US-Literatur: Die Short Story war von akademischer Künstlichkeit befreit – und Carver hatte ganzen Generationen nachrückender Storyschreiber das Tor zu einem neuen Realismus aufgestoßen.
Die preisgekrönte Storysammlung "Einfache Rezepte" der 1974 im kanadischen Vancouver geborenen, malaiisch-stämmigen Madeleine Thien ist indirekt der Carverschen Innovation Mitte der Siebziger geschuldet. Thiens Figuren sind junge Leute, kleine Helden des Alltags, die die Zähne zusammenbeißen. Junge Frauen, die aus ihren Familiengefängnissen ausbrechen, Wesen, die auf den alles verändernden Umschwung in ihrem scheinbar festgefahrenen Leben hoffen. Sie alle sind fest entschlossen, das Beste daraus zu machen, auch wenn sie feststellen müssen, dass der Weg zum Glück oft nur ein einziger langer Umweg ist.
In Thiens Geschichten steht kein Wort zuviel. Sie versteht es glänzend, noch die intimsten Regungen ihrer Figuren präzise einzufangen. So in der Titelgeschichte des Bandes, dem Stück "Einfache Rezepte", das von der brüchig werdenden Liebe einer Tochter zu ihrem Vater erzählt. Besonders fasziniert haben sie seine Rituale des Kochens – die Kunst, aus einzelnen Teilen ein stimmiges Ganzes zu vollbringen. Bis sie die dunkle Seite des Vaters kennenlernen muss. Langsam, wie beim Blick durch eine Lupe, macht Thien jenen Moment sichtbar, in dem aus Nähe Distanz zu werden beginnt. Die Geschichte schließt mit den Worten: "Irgendwo in meiner Erinnerung stirbt ein Fisch in der Spüle langsam vor sich hin. Mein Vater und ich schauen zu, während das Wasser abläuft." Mit solch knappen, wohl gesetzten Wendungen bringt Madeleine Thien Momente zum Leuchten. Eine Kunst, für die sie ihre kanadische Kollegin Alice Munro in den höchsten Tönen pries.
Bizarr-exotische Kulissen
Dagegen wirken die Geschichten der 1981 in Miami geborenen, als "Wunderkind" der jüngeren US-Literatur gefeierten Karen Russell wie Botschaften aus einer Welt, wie wir sie aus Romanen von Garcia Marquez kennen: Vor bizarr-exotischen Kulissen spulen sich bizarre Schicksale ab. 2006 wurde ihre jetzt auf deutsch vorliegende Sammlung "Schlafanstalt für Traumgestörte" von diversen US-Blättern zum "Best Book" gewählt.
Ihr Stück "Aufs Meer hinaus" erzählt von einer ausgefallenen Rentnerkolonie, deren Mitglieder ihren Lebensabend – jeder für sich - auf einem schwankenden Boot zubringen müssen. "Nach dem Versuch zweier Bewohner, miteinander durchzubrennen, hat Gherkin von der Wartung überall die Motoren ausgebaut." Mittendrin: der einbeinige Sawtooth, "dessen Einbeinigkeit ihm eine flamingohafte Würde" verleiht. So harren die Alten aus auf ihren verlorenen Posten, starren mit ihren Feldstechern stundenlang aufs Meer.
Wenn ihnen Abwechselung droht, dann in Gestalt jugendlicher Straftäter, die auf den Booten ihre Sozialstunden abarbeiten müssen. Sawtooth hat das Vergnügen, sich mit der passionierten Diebin Augie herumzuschlagen, die auch an Bord das Stehlen nicht sein lassen kann. "Am besten gefällt ihm, wenn sie Andenken mitgehen lässt, Sachen, die sich nicht verkaufen lassen." Doch als es Zeit wird für das Mädchen, ans Festland zurückzukehren, packt ihn die Angst: "Geh nicht, Mädchen. Ohne dich bin ich hier verloren. Was ich für dich empfinde, ist mehr und stärker als Liebe. Du verbindest mich mit dem Festland."
Das Skurrile zur Normalität erklären
In Karen Russells Stories bringen einzelne Worte, Blicke und Gesten ganze Welten zum Einsturz, entscheiden über Glück und Unglück. Wie sie es obendrein vermag, in traumgleichen, blitzlichthellen Sequenzen den Irrwitz des Lebens zur bitteren Komödie umzumünzen, das macht ihre Stories zu einem finster-faszinierenden Vergnügen.
Vergnüglich sind auch Miranda Julys unter dem Titel "Zehn Wahrheiten" erschienene, von sämtlichen Formzwängen befreite Stories. Doch wo bei Russell das Groteske regiert, ist es bei July, 33, jugendlicher Trotz. July – Künstlerin, Filmemacherin und Autorin – fixiert in ihren 16 Geschichten Momente, in denen das Banale unversehens mirakulöse Züge gewinnt.
Denn ihre Protagonistinnen bestehen auf ihrem Glücksanspruch – gegen alle Zwänge und Behinderungen. Sie sind Widerständlerinnen, die die Fähigkeit zur Verwandlung besitzen – exemplarisch demonstriert in dem Stück "Das Schwimmteam", in dem eine junge Frau drei 80-Jährigen das Schwimmen beibringt; nicht etwa in einem x-beliebigen Schwimmbad, sondern in ihrer Küche. Vor drei tellergroßen Plastikschüsseln postiert, legt die Gruppe los. "Kelda brauchte mehrere Wochen, bis sie lernte, ihr Gesicht ins Wasser zu stecken ... Scheu vor der Schüssel ist ganz natürlich. Damit sagt dir dein Körper, dass er nicht sterben will."
July lesen heißt, das Skurrile zur Normalität zu erklären, heißt, Menschen dabei zuzusehen, wie sie das Kamel durchs Nadelöhr balancieren. Ein spektakuläres Debüt – man muss bis zu Raymond Carvers erstem Erzählband zurückgehen, um etwas ähnlich Aufregendes und Originelles zu finden.
Karen Russell: "Schlafanstalt für Traumgestörte", Kein & Aber, 18,90 Euro
Miranda July: "Zehn Wahrheiten", Diogenes, 18,90 Euro
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