• Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.03.2008
 

Pariser Buchmessen-Skandal

Wer boykottiert, verliert

Von Martina Meister, Paris

Buchmessen sind Orte der Gedankenfreiheit, der offenen Debatte? Nicht, wenn der Ehrengast Israel heißt. Islamische Länder und Intellektuelle boykottieren den Pariser "Salon du Livre" - eine Torheit, denn sie strafen damit nur jene, die auf ihrer Seite stehen.

Israels Staatschef Schimon Peres eröffnete die französische Buchmesse am gestern Abend, während vor dem Messegelände rund 30 Menschen mit Palästinenserflaggen lautstark protestierten. Ihnen und allen Staaten, die zum Boykott der Messe aufgerufen hatten, weil Israel Ehrengast ist, rief der Friedensnobelpreisträger Peres zu: "Wer Bücher verbrennen, Weisheit boykottieren, Nachdenken verhindern und die Freiheit blockieren will, verdammt sich selbst zur Blindheit und zum Verlust der Freiheit." Frankreich hat einen neuen Skandal - diesmal fast ohne Beteiligung des Präsidenten Nicolas Sarkozy.

"Ideen lassen sich nicht boykottieren." Mit diesen Worten versuchte Frankreichs Chefdiplomat und Außenminister Bernard Kouchner die Lage zu entspannen. Doch wer in diesen Tagen die Reise ins Land der Bücher und Ideen antreten will, muss sich auf dem Pariser Messegelände Sicherheitskontrollen strenger als auf einem Flughafen unterziehen. Metalldetektoren, Ausweiskontrollen, Verbot von zu großem Handgepäck und die Verdopplung des herkömmlichen Polizeiaufgebots beweisen, dass auch das Terrain der Literatur vermint sein kann.

Nicht nur Libanon, Ägypten, Iran, Yemen und Saudi-Arabien, auch Länder wie Marokko, Tunesien und Algerien sind dem Boykottaufruf des palästinensischen Schriftstellerverbandes und der Islamischen Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Isesco) gefolgt. Die Tatsache, dass Israel anlässlich des 60. Jahrestages seiner Staatsgründung eingeladen wurde, werteten offizielle Vertreter dieser Länder als - falsches - "politisches Symbol".

Als symbolisch wird mittlerweile aber auch der arabische Boykott verstanden: "Muss man diesen Boykott nicht in Zusammenhang mit Nicolas Sarkozys jüngsten pro-israelischen Erklärungen lesen, als eine Warnung angesichts einer möglichen Wende in der arabischen Außenpolitik Frankreichs?", fragt beispielsweise der algerische Schriftsteller Boualem Sansal. Wie Sansal bezeichnen auch andere Kollegen den Boykott als "peinlich", ja "lamentabel". Im Elysée versucht man, ihn schlicht als "bedauerlich" abzutun.

Ein Großteil der israelischen Autoren empfindet den Boykott indes als Affront. Amos Oz, der wohl bekannteste Vertreter der israelischen Gegenwartsliteratur, sagte: "Wer zum Boykott aufruft, protestiert nicht gegen die Politik Israels, sondern gegen seine Existenz." Am Eröffnungsabend fügte Oz hinzu: "Sie boykottieren sich selbst. Sie tun nichts anderes, als sich selbst auszuschließen."

"Propagandaveranstaltung" der israelischen Regierung

Einige arabische Autoren hatten ihr Fernbleiben damit begründet, dass allein in den vergangenen Tagen 130 Menschen im Gazastreifen durch israelische Bombenangriffe getötet worden seien. Der ägyptische Romancier und Bruno-Kreisky-Preisträger Alaa al-Aswani ("Der Jakubijan-Bau") kündigte deshalb an, er werde genau aus diesen Gründen die Messe nicht boykottieren, aber die Gelegenheit nutzen, um mit "Fotos von palästinensischen und libanesischen Opfern der israelischen Politik" auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

Anders als die Ankündigung des Boykotts der Turiner Buchmesse, die ebenfalls Israel als Ehrengast eingeladen hat, lassen sich die Pariser Umtriebe indes nicht allein auf primitiv antisemitische Ressentiments reduzieren.

Während in Italien Listen mit den Namen "jüdischer Professoren" im Internet kursierten, um die "hebräische Lobby" zu denunzieren, ging der Boykott der französischen Buchmesse von Israel selbst aus: Der Dichter Aharon Shabtaï hatte seine Einladung nach Paris mit den Worten abgelehnt, er werde an keiner "Propagandaveranstaltung" der israelischen Regierung teilnehmen, deren Politik "kolonialistisch und rassistisch" sei. Benny Ziffer, Literaturchef der Tageszeitung "Haaretz", hatte sich dieser Haltung angeschlossen. In einem Interview mit der französischen Tageszeitung "Libération" sagte Ziffer: Es sei "unanständig, wenn israelische Autoren in Paris mit Ehren überschütten werden, während palästinensische Mütter in der Kälte an den Checkpoints festgehalten werden".

Einige Intellektuelle werten dies als Beleg für die Lebendigkeit der israelischen Demokratie, wo sich Selbstkritik längst zum "Nationalsport" entwickelt habe, wie der Schriftsteller Olivier Rolin und sein Verleger Olivier Rubinstein betonen.

Genau das macht den Boykott der Messe so paradox und für die geladenen Schriftsteller so bitter: Ein Großteil der eingeladenen Autoren ist bekannt für ihre regierungskritische Haltung. Viele engagieren sich in der Friedensbewegung und fordern einen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967. Einige von ihnen hatten sogar kritisiert, dass nur auf Hebräisch schreibende Autoren nach Paris eingeladen worden waren. Tatsächlich ist unter den 39 Autoren nur ein einziger israelischer Palästinenser, der allerdings auf Hebräisch schreibt. Das "Sprachkriterium ist in Wahrheit ein politisches Kriterium", bemerkte der Essayist und Übersetzer Amotz Giladi.

Unkenntnis arabischer Autoren

Der Boykott der arabischen Autoren vernichtet nun nicht nur jahrelange Bemühungen des Dialogs von Seiten israelischer Intellektueller. Er ist vor allem Beleg für die Unkenntnis der arabischen Kollegen angesichts der israelischen Gegenwartsliteratur, die dem Nahostkonflikt, den Zerreißproben der Israelis, aber auch dem Leid der Palästinenser eine unüberhörbare Stimme verliehen hat.

"Die Leute, die hier boykottieren, wissen gar nicht, wen sie boykottieren", sagte denn auch die französische Verlegerin Rosie Pinhas-Delpuech. Sie boykottieren beispielsweise David Grossman, der sich in seinen Romanen und Essays immer um gegenseitiges Verstehen bemüht hat. Im Sommer 2006, zwei Tage nachdem er das Ende der Kämpfe im Südlibanon gefordert hatte, kam sein jüngster Sohn bei einem Raketenangriff der Hisbollah ums Leben.

Schreiben, so notiert Grossmann in seinem jüngsten Buch, sei für ihn eine Therapie: "Ich schreibe und entdecke dabei, wie ich mich dank der intimen und zärtlichen Beziehung, die ich zur Sprache unterhalte, wieder in den verwandele, der ich vorher war, in mein Ich, das keine Staatsangehörigkeit hat, das nicht von diesem Konflikt konfisziert worden ist, nicht von den Regierungen oder der Armee, nicht von der Verzweiflung und auch nicht der Tragödie."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP