Wir sind gelandet und wissen nichts. Ein Bus bringt uns vom Flughafen in die Stadt, draußen, hinter den Fenstern ist es dunkel, die Wüste nicht zu sehen. Die deutsche Botschaft hat uns, die Nationalmannschaft der Autoren, nach Saudi Arabien eingeladen, um hier Fußball zu spielen und auf der Buchmesse in Riad unsere gerade bei Suhrkamp erschienene Anthologie "Titelkampf" vorzustellen. Wir sind Pioniere, unterwegs im Namen der "Writer’s League For Freedom", eine europäische Liga kickender Schriftsteller, die mithilfe des Sports sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden versucht. Gegen wen wir antreten und ob wir aus unserem Buch lesen, weiß bei unserer Ankunft aber noch niemand, alle Pläne sind vorläufig.
Nationalmannschaft der Autoren in Riad*: "Alles ist möglich"
Morgens werden wir von der weit über die Dächer und Straßen schallenden Stimme eines Muezzin geweckt und nach dem Frühstück zum Al-Shabab-Stadion gefahren. Im Durchschnitt sind wir Mitte dreißig. Al Shabab heißt "Die jungen Leute", und beim Training auf dem trockenen, ausgedörrten Rasen ahnen wir, dass wir, wenn der Verein seinem Namen alle Ehre macht, verlieren werden. Die Sonne brennt auf uns herab, die heiße, staubige Luft trocknet unsere Lungen aus, Blut schießt uns aus den Nasen, und nach jedem Sprint stützen wir uns keuchend mit den Händen auf den Oberschenkeln ab. Wolfram Eilenberger, der Philosoph unter uns, will uns Mut machen, als er sagt: "Fußball ist ein Fest der Kontingenz, alles ist möglich." Und tatsächlich: Im Flimmerdunst des Horizonts sehen wir uns acht Tore schießen.
Am Nachmittag, auf der Buchmesse, empfängt uns der deutsche Botschafter Jürgen Krieghoff und gibt uns eine kurze Einführung in die Geschichte Saudi Arabiens. "Früher war hier nichts, nichts, nichts", sagt er. "Nur Beduinen, Kamele, Datteln und Oasen." Jetzt ist hier mitten in der Wüste die Oase der Literatur: Von Soldaten und Religionswächtern kontrollierte Zelte, in denen 600 Aussteller 250.000 Werke zeigen. Adolf Hitlers "Mein Kampf" liegt neben der Autobiographie von Malcolm X, Gerhard Schröders "Entscheidungen" neben einem Bildband der bekanntesten Präsidenten der USA.
Am Stand des in Köln, Beirut und Bagdad ansässigen Al-Kamel-Verlages reißen sich die Besucher um Übersetzungen aus Deutschland: Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" und Patrick Süskinds "Das Parfüm"; an anderen um Titel wie "You Can Be The Happiest Woman In The World" von Aaidh ibn Abdullah al-Qarni oder den Bestseller der jungen saudischen Autorin Rajaa Alsanea "Die Girls von Riad". Die meisten der angebotenen Werke sind auf Arabisch. Alle Schriftzeichen gehen ins Leere. Wir können nur von den Covern auf die Inhalte schließen. Ein Bilderrausch mit Buchstaben. Und doch gilt die Messe als ein Ort des kulturellen Austausches und der Öffnung einer ansonsten geschlossenen Gesellschaft: Zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr finden so viele Menschen, Männer und Frauen und Kinder – mehr als eine halbe Million in zehn Tagen – zu einem nichtreligiösen Anlass zusammen.
Deutschland ist zum ersten Mal mit einem eigenen Stand vertreten. Er trägt die Nummer 541, wird von einem Studenten und einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des orientalistischen Institutes Leipzig betreut und ist zehn Quadratmeter groß: drei Regalwände mit Fußballbüchern, Reiseführern und Ausstellungskatalogen um einen Stapel mit den wichtigsten "Facts about Germany". Seitenweise bekannte Gesichter und Landschaften, Sitten und Gebräuche. Ein Stück Heimat in der Fremde, seltsam vertraut. Die wichtigsten "Facts about Saudi Arabia" erscheinen uns dagegen wie die Regeln einer fernen Welt. Das Königreich ist eine absolute Monarchie, Staatsreligion der sunnitische Islam. Es gibt hier keine Schwimmbäder, Diskos, Kinos, Clubs oder Theater. Alkohol und Schweinefleisch sind verboten. Frauen dürfen sich weder allein und unverhüllt – ohne ihren männlichen Vormund, ohne Abaya – in der Öffentlichkeit bewegen noch mit fremden Männern allzu lange unterhalten.
Umso erstaunlicher ist es, als wir bald von vollkommen schwarz gewandeten Mädchen umringt und angesprochen werden: "Where are you from? What are you doing here?" So viel weibliches Interesse ist uns noch nie entgegengebracht worden, und im Überschwang des Glücks ignorieren auch wir alle Gesetze und laden sie zum Spiel am nächsten Tag ins Stadion ein.
Und das Unvorstellbare geschieht: Zehn von ihnen sitzen auf der Tribüne und sehen, wie wir gegen eine Mannschaft junger Journalisten 5:1 verlieren. Obwohl die Saudis uns technisch und konditionell überlegen sind, halten wir am Anfang noch mit, dem Dramatiker Moritz Rinke gelingt in der zweiten Halbzeit sogar der Anschlusstreffer, aber am Ende müssen wir uns geschlagen geben. Gelesen haben wir nicht, nur gespielt. Der deutsche Botschafter preist die Veranstaltung trotzdem als gelungenes Mittel, die Beziehungen beider Länder zu intensivieren. Der Generalsekretär des saudischen Fußballverbandes ist froh, das kollektive Trauma nach dem 0:8 gegen Deutschland bei der WM 2002 überwunden zu haben. Und auch Wolfram Eilenberger weiß dieses Ergebnis zu unseren Gunsten zu deuten: "Mit jeder Niederlage gewinnen wir im Ausland an Sympathie."
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