Von Elke Schmitter
Es ist der wohl meistgespielte Song der Welt, er geht in die Beine und aufs Herz. Mit seiner Botschaft verhält es sich eher kompliziert, denn schon die nachweisliche Urfassung beginnt elegisch, gleitet schnell ins Sentimentale und posaunt ihren Schluss als Kirchenkritik: "werde ich dir / meine Hand mit ganz viel Liebe geben / und dem Pfarrer zwei Ohrfeigen, jawohl!".
Ursprünglich ist "La Paloma" eine Habanera, vermutlich in Kuba komponiert. Doch die Herkunft des Liedes ist umstritten wie die Homers: Hat sein Schöpfer, der Baske Sebastiàn Iradier, tatsächlich um 1852 Paris verlassen, um als Gesangslehrer der französischen Königin nach Amerika zu reisen und schließlich auf der karibischen Insel seinen Geniestreich zu führen? Und warum heißt es in seinem Lied: "Als ich Havanna verließ, hat mich, Gott steh mir bei, niemand gesehen"?
Gewiss ist nur: Das Lied von der Taube, die in manchen Versionen weiß ist, mal den Frieden bringt, dann wieder die Freiheit bedeutet, die als Hochzeits- oder Beerdigungsvogel fungiert (und in unzähligen Fassungen, z.B. in "No More" von Elvis", gleich gar nicht mehr vorkommt), singt man in Spanien und Tschechien, Mexiko und Sansibar längst als einheimisches Volkslied. "La Paloma" wird als Tango, als Walzer und im Viervierteltakt gespielt, als Schnulze gesungen oder verjazzt, dient Opernsängern als große Nummer und gehört in Hawaii, Rumänien und Tansania zum Brauchtum.
Hans Albers machte es an der Waterkant heimisch, das Swingorchester von Theresienstadt hat der SS damit aufgespielt, und die Mexikanerin Eugenia Leon formte einen Protestsong gegen den Wahlbetrug daraus. Man kann an diesem Lied eine Geschichte der Welt seit 150 Jahren erzählen, die von Politik und Gefühl, von Brauchtum und Geschäftssinn, von Alleinunterhaltern und Massenbewegungen handelt – und davon, wie eben tatsächlich alles mit allem zusammenhängt. So wie es eine Redewendung sagt, die sicher zu Recht so verbreitet ist wie "La Paloma".
Was Kulturgeschichte vermag, zeigt aufs Wunderbarste dieses kleine, schön illustrierte Buch - mit vier CDs im Booklet, die einen Ausschnitt der Musikversionen bringen - von Bing Crosby bis zur "unbekannten Harfinistin aus der Pariser Metro": vergnügliche Aufklärung, immer bewegend.
Buch Sigrid Faltin und Andreas Schäfler: "La Paloma". Mare Buchverlag, Hamburg; 190 Seiten, mit 4 CDs im Booklet; 48 Euro.
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