Nein, mir ist nicht aufgefallen, dass im rauen Norden "die Menschen nicht so goldhäutig und heiter sind wie im Süden", da haben Sie wohl einfach genauer hingeschaut. Aber schon damals, tatsächlich, waren alle "angefixt von den Kyats und Kugelschreiber verteilenden Touristen".
Ich würde allerdings nicht zynisch von "anfixen" reden. Ist derjenige, der einen Kugelschreiber benötigt, suchtkrank? Ist es nicht einfach ein Skandal, dass der Lametta-behängte Schieberhaufen, der das Land aussaugt, noch nicht mal für Schreibgeräte sorgen kann, mit denen Ärzte ihre Rezepte, Kaufleute ihre Listen, Kinder ihre Hausaufgaben notieren können?
Sie ersetzen Recherche und das Anprangern von Missständen, die unser Job sind, durch gefühligen Armutsverherrlichungs-Kitsch, etwa wenn Sie hingerissen berichten von den "Frauen in Palmendörfern, die in Steinmörsern Hirse stampfen". Ist Ihnen, als vielfach ausgezeichneter kritischen Journalistin, nicht in den Sinn gekommen, dass Rückständigkeitsschwärmerei immer von denen ventiliert wird, die die Taschen voller Cash haben und nach zwei Wochen wieder in ihre Komfortzonen zurückkehren, und eher selten von denen, die dort leben? Und dass ein Lob dieser durch Korruption und Nepotismus und Misswirtschaft von den Herrschenden verursachten Armut zynisch ist?
Sicher, Sie sprechen von der "verknöcherten" Militärregierung, und Sie versichern, dass Sie auf der Seite der Opposition stünden. Doch besorgen Sie mit ihrem Artikel das Geschäft der Junta, als "echte Freundin", denn selbst die gleichgeschaltete Presse wird von Ihnen als nur komische Exzentrizität geschildert. "Meistens habe ich morgens das "Light of Myanmar" ergattert, die staatliche Tageszeitung. Weniger, um mich zu informieren, mehr um mich zu amüsieren."
Wie passt das zusammen? Als Jurorin des Henri-Nannen-Preises haben Sie vor wenigen Wochen mit dem Gala-wirksamen Timbre demokratischer Ergriffenheit die irakische Journalistin Zainab Ahmed in der Rubrik "Pressefreiheit" gerühmt. Doch hier ist Ihnen die ausgetrampelte und vernichtete Pressefreiheit nur ein amüsiertes Lächeln wert? Welche der beiden Alice Schwarzer stimmt denn da? Ist Pressefreiheit nur eine relative Angelegenheit, eine des Lagers, der ideologischen Zugehörigkeit?
Den verantwortlichen Redakteuren der "FAZ", die ja nicht blöde sind, muss mulmig geworden sein mit Ihrer realsozialistischen Schwärmerei, Debatte hin, Debatte her. Die haben ein Foto, das Sie zur Verfügung gestellt haben und das sie pittoresk im bunten Volk der Inle-See-Bewohner beim ländlichen Glücksspiel zeigt - "Sie verlor ihren Einsatz" - mit der Schmuckzeile angetextet: "Im Wunderland Burma".
Sicher, man kann sich über Ihre Entgleisung lustig machen, Frau Schwarzer: "Alice in Wonderland", das kapiert sicher jeder Leser. Allerdings kann man sich auch ärgern. Man sollte es sogar.
Ich finde, liebe Kollegin, Sie sollten wenigstens die Würde besitzen und nach dieser Entgleisung aus der Jury des Henri-Nannen-Preises ausscheiden. Schon, um ihn nicht für diejenigen zu beschädigen, die ihn künftig erhalten sollen - für ihre investigativen Leistungen oder den Mut oder die Objektivität und all das, was künftige Festredner zu solchen Anlässen rühmen.
Oder wollen Sie warten, bis irgendeiner sich weigert, ihn aus Ihrer Hand anzunehmen?
Ihr Matthias Matussek
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