Von Reinhard Mohr
Natürlich lässt es sich der humanistisch gebildete Ratgeber nicht nehmen, auf lateinisch die fünf wichtigsten Figuren der antiken Rede vorzustellen: prooemium, narratio, probatio, refutatio und peroratio.
Für Nicht-Lateiner: Werbende Einleitung; die Erzählung, worum es geht; die Hinführung zum Beweis, dass Sie absolut Recht haben; die Entkräftung der gegnerischen Argumente und schließlich der triumphale Höhepunkt, der "orgiastische Schluss", der in Begeisterungsstürmen untergeht. Was auf der Rostra in Rom erfolgreich war, müsste auch auf einer Cocktail-Party in Krefeld funktionieren.
Doch wer das Leben kennt, weiß: Manchmal muss man doch zu den schmutzigen Tricks greifen, um den Sieg davonzutragen. Hannes Stein kennt sie. Der bekannteste unter ihnen ist zweifellos das Eindreschen auf einen Strohmann, wobei dem Gegner Auffassungen unterstellt werden, die er gar nicht hat. Egal, schon ist er in der Defensive.
Eng verwandt ist das Verfahren der "Homonymie". Hierbei werden Begriffe zu Kampfbegriffen, indem man mit ihrem semantischen Gehalt der Mehrdeutigkeit spielt. Etwa so: "Das Vermögen von XY wird auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt." - "Ich glaube nicht, dass das Vermögen von XY wirklich so gewaltig ist. Er ist doch ein eher dummer Mensch. Sein Unvermögen zeigt sich allein schon darin..."
Publikum zum Lachen bringen
Wirkungsvoll ist auch das argumentum ad auditores, teils grober Unsinn, der aber Lacher im Publikum bringt und den Diskurskombattanten zu ausschweifenden Richtigstellungen zwingt, die keiner wirklich hören will. Das argumentum verecundiam erfüllt denselben Zweck durch das Zitieren von Autoritäten, Wissenschaftlern und Experten aller Art. Häufig genügt auch einfach der Satz "Das weiß jeder" oder "Das ist längst bewiesen". Oskar Lafontaine ist ein Meister dieses Taschenspielertricks.
Wichtig sind auch Namen und Bezeichnungen, die verwendet werden; Schlagworte, die moralische Deutungshoheit suggerieren wie "Bellizisten", "Spekulanten", Bankrotteure, aber auch "ismen" aller Art wie "Neoliberalismus", "Antikommunismus", "Keynesianismus" oder "Antisemitismus".
Wenn auch das nicht mehr hilft, dann empfiehlt Ratgeber Stein das Prinzip der "Diversion", kurz und krumm: Fangen Sie einfach an, von etwas völlig anderem zu reden. So durchkreuzen sie torpedomäßig jede Schlachtordnung. Beim Kunstgriff der "Inversion" geht es darum, das Argument des Gegners wie einen Dolch umzudrehen und gegen ihn selbst zu wenden.
Beispiel: "Auf Petri Stuhl in Rom haben schon Debile, Mörder und Ehebrecher gesessen. Das beweist, was für eine korrupte Institution die katholische Kirche ist." - "Im Gegenteil! Das Papsttum hat all seine historischen Entstellungen überlebt - das ist der endgültige Beweis..., dass es sich um eine von Gott geheiligte Einrichtung handeln muss."
Letzter Ausweg: rohe Gewalt
Als letzter Ausweg vor einer drohenden diskursiven Niederlage bleibt allerdings nur die rohe physische Gewalt, die akustische Keule - lautes Schreien, "Lügner, Lügner!" - Rufe, ein ungebremster Redeschwall und Beleidigungen des Gegners nach der alten Maxime des österreichischen Schriftstellers Anton Kuh: "Warum denn sachlich, wenn's auch persönlich geht!"
Derart gewappnet führt Hannes Stein den geneigten, Rat suchenden Leser in die wunderbare Praxis des Rechthabens. Auf 200 Seiten führt er exemplarisch die Kunst des Debattierens vor, in der sich für jede Wahrheit mehr als ein gutes Argument findet, ganz egal, ob es um Urlaub in den Bergen oder am Meer geht, um Wein oder Bier, Goethe oder Schiller, Sparbuch oder Aktien, Windows oder Macintosh, Israel oder Palästina, Amerika oder China, Kultur oder Zivilisation, Ying oder Yang.
Und plötzlich scheint das Rechthaben kinderleicht.
Ein Buch für die ganze Familie - und für alle Fälle. Es sollte in keinem deutschen Haushalt fehlen.
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