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04.08.2008
 

Letzte Begegnung mit Solschenizyn

"Der Optimismus hat mich nie verlassen"

Von Matthias Schepp, Moskau

Quicklebendig, diskutierfreudig - und auf heitere Weise bereit für den Tod: So begegnete Alexander Solschenizyn den SPIEGEL-Redakteuren Christian Neef und Matthias Schepp im vergangenen Jahr. Es war das letzte Interview, das der große Schriftsteller Journalisten gewährte.

Schon mit 14 träumte ich davon, Journalist zu werden und drei bekannte Persönlichkeiten zu interviewen: Willy Brandt, Fidel Castro und Alexander Solschenizyn. Vor etwas mehr als einem Jahr, an einem Samstag im Juli, erfüllte sich ein Teil meines Jugendtraums. Christian Neef, der stellvertretende Ressortleiter Ausland des SPIEGEL, und ich waren auf dem Weg nach Troize-Lykowo, einem 20 Kilometer westlich vom Kreml gelegenen Vorort mit immer noch dörflichem Charakter. Dort, unweit des Moskau-Flusses und inmitten eines kleinen Wäldchens, lebte Solschenizyn mit seiner Frau Natalija, seit er 1994 aus seinem Exil in den USA in das nach-kommunistische Russland Boris Jelzins zurückgekehrt war.

Neef und ich waren die letzten Journalisten, die Solschenizyn für ein Interview zum Gedankenaustausch trafen. Das hatte mit Solschenizyns langer freundschaftlicher Beziehung zum SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein zu tun, den er mehrfach empfing und den er achtete. Die beiden begegneten sich erstmals 1987, als der Schriftsteller im amerikanischen Vermont im Exil lebte, dann 1994 in Russland zu einem Gespräch über die Russische Revolution und 2000 aus Anlass der Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten. Diese Interviews waren keine Gespräche, sondern regelrechte Debatten.

Zwei Monate vor seinem letzten SPIEGEL-Gespräch hatten Christian Neef und ich den Dissidenten und Literaturnobelpreisträger (1970) im russischen Fernsehen gesehen und waren erschrocken. Wie eine Wachsfigur hockte er auf einem Stuhl, als ihn der damalige Präsident Wladimir Putin besuchte und ihm einen Staatspreis verlieh. Nun saß Alexander Issajewitsch an einem seiner vier Schreibtische, klein und zerbrechlich zwar, aber mit quicklebendigen Augen. 20 Minuten schoss unser Fotograf Jurij Feklistow Porträts. "Das sind wohl die letzten Bilder, die es von mir geben wird", sagte Solschenizyn. Dann stand er auf und bewegte sich gestützt auf einen Stock ins Nebenzimmer.

Dort sprachen wir. Wir kannten uns nicht. Ich erzählte Solschenizyn, dass ich meinen beiden Söhne Moritz, 7, und Max, 5, beim Frühstück gestanden hatte, bis in die Haarspitzen nervös zu sein, weil ich einen ganz berühmten Schriftsteller treffen würde, der ganz dicke Bücher geschrieben hat. Er sei alt und könne nicht mehr stundenlang sprechen und deshalb bliebe wohl nur wenig Zeit für das Gespräch. Welche Frage ich denn stellen sollte, wollte ich von meinen Kindern wissen. "Wie der so viele so dicke Bücher schreiben kann", sagte Moritz.

Als Solschenizyn dies hörte, ging ein Lächeln über sein durch die vielen Jahre geadeltes Gesicht. Das Eis war gebrochen. Wie auch hätte er sich einer Kinderfrage entziehen können? Solschenizyn war ein Mann, der nie aufgehört hat, sich für die Zukunft zu interessieren, auch wenn er in seinen Büchern über die Vergangenheit schrieb. Nicht zuletzt die Hoffnung auf ein besseres Morgen hat ihn den Gulag, das Lagersystems des sowjetischen Diktators Josef Stalin, überleben lassen. Und eine Antwort hatte er auch parat. "Weil Arbeit und Kampf mich immer reizten, weil mich der Optimismus nie verlassen hat und weil ich für meine Überzeugungen eintrat", sagte Solschenizyn. Dann zeigte er uns eine Karte, auf welcher der Ort eingezeichnet war, an dem ihn der russische Militärgeheimdienst im Februar 1945 verhaftet hatte, weil er in Feldpostbriefen abfällig über Josef Stalin geschrieben hatte.

Die Frage, wie Russland mit seiner Vergangenheit und dem Erbe der Sowjetunion umgeht, beschäftigte den Autor des "Archipel Gulag" auch in den letzten Monaten seines Lebens. "Nur eine eigenständig erkannte Schuld kann Unterpfand für eine nationale Genesung sein. Ständige Vorwürfe von außerhalb sind eher kontraproduktiv", erklärte er.

Solschenizyn ging hart mit Gorbatschow und Jelzin ins Gericht. Gorbatschow warf er "politische Naivität" und den "sinnlosen Verzicht auf Macht" vor, Jelzin "Russlands Reichtümer zum hemmungslosen Raub freigegeben zu haben". Mit Putin war er gnädiger und hielt ihm den "langsamen und schrittweisen Wiederaufbau Russlands" zu gute. Den Westen kritisierte er dafür, die "Nato, Teile der zerfallenen UdSSR in seine Sphäre zu ziehen" und sich schnell an den Gedanken gewöhnt zu haben, dass Russland in den neunziger Jahren "fast zu einem Land der Dritten Welt" herabgesunken sei.

"Als Russland wieder zu erstarken begann, reagierte der Westen panisch, vielleicht unter Einfluss nicht ganz überwundener Ängste", fand Solschenizyn. Er machte sich Sorgen, dass Russland in Europa und Amerika nicht richtig verstanden werde. Zum Abschied wünschten wir Alexander Issajewitsch noch viele schaffensreiche Jahre. "Nein, nein", sagte er ohne jede Melancholie und mit einer tiefen Fröhlichkeit, die nur aus einem erfüllten Leben wächst. "Das muss nicht sein. Es reicht."

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