Es kam mir vor, als hätten mir die neunzig Minuten Zugfahrt zwischen Hamburg und Berlin einen Zeitunterschied beschert wie nach einem Interkontinentalflug. An einem Samstag im August 2007 kam ich um kurz nach 15 Uhr im Radialsystem an, einem Veranstaltungszentrum in Friedrichshain, direkt an der Spree gelegen. Hier schien früher Morgen zu herrschen. Einzelne verschlafene Gestalten saßen über Latte macchiato und Apple-Laptop, sorgfältig darauf bedacht, trotz nach vorne gebeugter Kopfhaltung ihre Ray-Ban-Sonnenbrillen nicht ins Rutschen zu bringen. Nach einigem Suchen fand ich schließlich Holm Friebe, den Veranstalter dieser seltsamen Zusammenkunft.
Friebe: Blogger, Buchautor und Mitglied der "Zentralen Intelligenz Agentur", nach eigener Beschreibung "ein kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture mit dem Anspruch, neue Formen der Kollaboration zu etablieren."
Friebes Enthusiasmus fiel doppelt auf inmitten so viel Müdigkeit. "Christian", rief er, "wir haben es tatsächlich geschafft, ein ganzes Kongressformat in die Nacht zu verlegen." Nicht von neun Uhr morgens bis fünf nachmittags, wie sonst auf allen Kongressen dieser Erde, lief das Programm, sondern von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Am Nachmittag wiederum sollte sich das abspielen, was auf normalen Kongressen das Abendprogramm bildet: rumschlendern, Leute treffen, außerdem ein paar lockere Veranstaltungen, die ein bisschen abseits des eigentlichen Themas liegen.
Linksliberalismus 2.0
Den Schlaf-wach-Rhythmus aus purer Lust am Experiment auf den Kopf zu stellen - an einem solchen Kollektivversuch hatte ich mich zuletzt mit vierzehn während meiner Konfirmandenfreizeit beteiligt.
Für eines der etwas abseitigen Themen am Nachmittag hatte mich Holm Friebe angerufen: Zusammen mit ihm und der Internetjournalistin Mercedes Bunz sollte ich über eine Frage diskutieren, die bereits in sich wie ein Widerspruch klang: "Was wäre ein linker Neoliberalismus?"
Nun, man darf zu Recht annehmen: Die Vorsilbe "neo" war vor allem der Lust an der Provokation geschuldet. Ein kleiner Gruß an all jene Linken, die beim Begriff Neoliberalismus am liebsten sofort einen fachkundige Exorzisten hinzuziehen möchten. In Wirklichkeit ging es bei unserer Diskussion um einen neuen linken Liberalismus, ganz ohne neo.
In ihrem Eingangsstatement erweckte Mercedes Bunz den Urvater der sozialen Marktwirtschaft, Walter Eucken, zum Leben, und inzwischen finden sich in einschlägigen Blogs auch genug Vorschläge, wie sich der linke Neoliberalismus etwas weniger knallig benennen ließe. Zum Beispiel "Linksliberalismus 2.0". Ein treffender Begriff, denn der ganze dreitägige Kongress schien unter dem Oberbegriff zu stehen: Wie lebt man frei, ohne von Guido Westerwelle umarmt zu werden? Und wie lebt man solidarisch, ohne gleich bei den Jungs von Ver.di zu landen?

Mit anderen Worten: Es wimmelte von klugen Köpfen. Man hatte ständig das Gefühl, sich unter den Menschen zu bewegen, die eigentlich unsere Parlamente und Konzernzentralen bevölkern sollten. Die aber genau dazu überhaupt keine Lust haben - weil sie frei sein wollen.
Okay, das ist die nette Interpretation.
Die weniger nette: Ich war in eine Versammlung von verpeilten Spinnern geraten, die noch mit Ende dreißig ihre Adoleszenz ausleben und die, Gott sei Dank, in diesem Land nichts zu melden haben. Aber mir gefällt die nette Interpretation besser.
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