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19.08.2008
 

Neue Linke

Lafontaine mit Latte macchiato, bitte!

Linkssein ist wieder so hip wie ein Pali-Tuch um den Hals. Doch ist das Ausdruck echter Haltung oder bloßer Hype? Christian Rickens nähert sich in seinem neuen Buch "Links" einem Lebensgefühl zwischen Pose, Protest und Piefigkeit. Lesen Sie exklusiv auf SPIEGEL ONLINE Auszüge.

Es kam mir vor, als hätten mir die neunzig Minuten Zugfahrt zwischen Hamburg und Berlin einen Zeitunterschied beschert wie nach einem Interkontinentalflug. An einem Samstag im August 2007 kam ich um kurz nach 15 Uhr im Radialsystem an, einem Veranstaltungszentrum in Friedrichshain, direkt an der Spree gelegen. Hier schien früher Morgen zu herrschen. Einzelne verschlafene Gestalten saßen über Latte macchiato und Apple-Laptop, sorgfältig darauf bedacht, trotz nach vorne gebeugter Kopfhaltung ihre Ray-Ban-Sonnenbrillen nicht ins Rutschen zu bringen. Nach einigem Suchen fand ich schließlich Holm Friebe, den Veranstalter dieser seltsamen Zusammenkunft.

Friebe: Blogger, Buchautor und Mitglied der "Zentralen Intelligenz Agentur", nach eigener Beschreibung "ein kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture mit dem Anspruch, neue Formen der Kollaboration zu etablieren."

Friebes Enthusiasmus fiel doppelt auf inmitten so viel Müdigkeit. "Christian", rief er, "wir haben es tatsächlich geschafft, ein ganzes Kongressformat in die Nacht zu verlegen." Nicht von neun Uhr morgens bis fünf nachmittags, wie sonst auf allen Kongressen dieser Erde, lief das Programm, sondern von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Am Nachmittag wiederum sollte sich das abspielen, was auf normalen Kongressen das Abendprogramm bildet: rumschlendern, Leute treffen, außerdem ein paar lockere Veranstaltungen, die ein bisschen abseits des eigentlichen Themas liegen.

Linksliberalismus 2.0

Den Schlaf-wach-Rhythmus aus purer Lust am Experiment auf den Kopf zu stellen - an einem solchen Kollektivversuch hatte ich mich zuletzt mit vierzehn während meiner Konfirmandenfreizeit beteiligt.

"Links" von Christian Rickens: Comeback eines Lebensgefühls
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"Links" von Christian Rickens: Comeback eines Lebensgefühls

Für eines der etwas abseitigen Themen am Nachmittag hatte mich Holm Friebe angerufen: Zusammen mit ihm und der Internetjournalistin Mercedes Bunz sollte ich über eine Frage diskutieren, die bereits in sich wie ein Widerspruch klang: "Was wäre ein linker Neoliberalismus?"

Nun, man darf zu Recht annehmen: Die Vorsilbe "neo" war vor allem der Lust an der Provokation geschuldet. Ein kleiner Gruß an all jene Linken, die beim Begriff Neoliberalismus am liebsten sofort einen fachkundige Exorzisten hinzuziehen möchten. In Wirklichkeit ging es bei unserer Diskussion um einen neuen linken Liberalismus, ganz ohne neo.

In ihrem Eingangsstatement erweckte Mercedes Bunz den Urvater der sozialen Marktwirtschaft, Walter Eucken, zum Leben, und inzwischen finden sich in einschlägigen Blogs auch genug Vorschläge, wie sich der linke Neoliberalismus etwas weniger knallig benennen ließe. Zum Beispiel "Linksliberalismus 2.0". Ein treffender Begriff, denn der ganze dreitägige Kongress schien unter dem Oberbegriff zu stehen: Wie lebt man frei, ohne von Guido Westerwelle umarmt zu werden? Und wie lebt man solidarisch, ohne gleich bei den Jungs von Ver.di zu landen?

Zum Autor

Helene Endres
Christian Rickens, 1971 geboren, volontierte an der Deutschen Journalistenschule in München. Nach drei Jahren als freier Wirtschaftsjournalist, unter anderem für "Brand Eins" und "Die Zeit", kam er im Frühjahr 2000 als Redakteur zum manager magazin. In den vergangenen Jahren erschienen von ihm "Die neuen Spießer" und "Links! Comeback eines Lebensgefühls". Derzeit arbeitet er an seinem neuen Buch "Ganz oben", einem Streifzug durch die Lebenswelt der deutschen Oberschicht. Es erscheint im kommenden Frühjahr.

Den Zwiespalt zwischen Links-sein-wollen und Frei-sein-wollen trugen viele der Kongressteilnehmer auch in ihrem eigenen Leben aus: Da war Rainer Langhans, der Mitbegründer der Kommune 1, dem zu Ehren Friebe den Kongress unbedingt noch mit einem symbolischen Sit-in abschließen wollte. Da war Stefan Niggemeier, der eine gutbezahlte Redakteursstelle inklusive Dienstwagenanspruch bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gekündigt hat, um mit seinem Bild-Blog gegen die Lügen der "Bild"-Zeitung anzuschreiben. Da war der US-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann, der davon träumt, den Kapitalismus durch eine neue Selbstversorgergesellschaft zu ersetzen. Da war die Autorin Kathrin Passig, die 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat und mich an diesem Nachmittag in eine Diskussion über die Kulturgeschichte des Maschinengewehrs verwickelte.

Mit anderen Worten: Es wimmelte von klugen Köpfen. Man hatte ständig das Gefühl, sich unter den Menschen zu bewegen, die eigentlich unsere Parlamente und Konzernzentralen bevölkern sollten. Die aber genau dazu überhaupt keine Lust haben - weil sie frei sein wollen.

Okay, das ist die nette Interpretation.

Die weniger nette: Ich war in eine Versammlung von verpeilten Spinnern geraten, die noch mit Ende dreißig ihre Adoleszenz ausleben und die, Gott sei Dank, in diesem Land nichts zu melden haben. Aber mir gefällt die nette Interpretation besser.

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