Wenn man noch einen Schritt weiter zurücktritt, dann kann man das, was sich im Radialsystem abspielte, ins große Schisma linker Ideologie einordnen. Linke sind ja seit jeher davon überzeugt, dass der Mensch zur Freiheit zweierlei braucht: zum einen die Freiheit von staatlicher Unterdrückung, zum anderen die Freiheit von Armut und Ausbeutung. Nur beides zusammen, gesellschaftlich-politische wie ökonomisch-soziale Freiheit, ergibt wahre Freiheit im linken Sinne.
Beide Dimensionen der Freiheit stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das sich durch die gesamte linke Ideologiegeschichte zieht: Wer ausschließlich die soziale Freiheit betont, landet in der DDR: totale materielle Absicherung bei weitgehender politischer Unterdrückung. Wer ausschließlich die politische Freiheit betont, landet beim Anarchismus. Alle Spielarten linker Ideologie bewegen sich letztlich irgendwo im Kontinuum zwischen diesen beiden Extremen.
Verglichen mit dem, was heute die Linkspartei fordert, tendiert die Boheme vom Spreeufer wahrscheinlich deutlich stärker in Richtung gesellschaftlich-politischer Freiheit. Trotzdem ist die linke Boheme kein bisschen weniger links als Lafontaine und Gysi - auch wenn sich im Radialsystem sicherlich keine Mehrheit für flächendeckende Mindestlöhne gefunden hätte.
Zwei weitere Pole linker Ideologie bezeichnen Ausmaß und Methoden gesellschaftlicher Veränderung. Bereits im 19. Jahrhundert zeigten sich diese Pole in den Auseinandersetzungen zwischen linken Revisionisten und noch linkeren Revolutionären, später dann zwischen staatstragenden Sozialdemokraten und umstürzlerischen Kommunisten. Kernfrage: Halte ich das derzeitige Gesellschaftssystem innerhalb des legalen Rahmens für reformierbar - also über Interessenvertretung, Wahlsiege Gesetzesänderungen etc.? Oder glaube ich, dass nur eine revolutionäre Veränderung des Gesellschaftssystems linken Idealen zum Durchbruch verhelfen kann?

Ja, ja, natürlich kenne ich all die Theorien über die Beschränkungen parlamentarischer Demokratie und warum durch sie nie der wahre Willen der Bevölkerung umgesetzt wird. Kritische Theorie, Bewusstseinsindustrie, you name it. All diese Theorien ändern nichts am grundlegenden Legitimationsproblem von Revolutionären in einer Demokratie: Es gibt innerhalb einer linken Weltsicht keine legitime Instanz, die einem Revolutionär zubilligen könnte, erleuchteter zu sein als der Rest der Bevölkerung - außer seiner eigenen Hybris.
Ich halte auch die Marktwirtschaft für begrüßenswert
Linke müssen sich endlich daran gewöhnen: Die Mehrheit der Deutschen will abends tatsächlich vor allem in Ruhe fernsehen und hat alles Recht dazu.
Die Ablehnung von Revolution sollte nicht verwechselt werden mit der Ablehnung linker Utopien. Im Gegenteil, Linke müssen endlich wieder lernen, von einem besseren Morgen zu träumen, anstatt nur die Welt von gestern zu verteidigen. Aber legitim umgesetzt werden können diese utopischen Ziele in Deutschland nur auf "revisionistischem" Weg.
Liebe Linke, es kommt noch schlimmer: Ich halte nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern auch die Marktwirtschaft für außerordentlich begrüßenswert. Der ökonomische Wettbewerb um das beste Angebot zum niedrigsten Preis in freien Märkten, das individuelle Streben nach materiellem Vorteil als Motor des Fortschritts: All dies sind wunderbare Mechanismen, die es auch für Linke zu nutzen und zu erhalten gilt.
Die Fragen, über die in diesem Buch diskutiert werden soll, sind subtiler als der platte Gegensatz Staat oder Macht: Welche Lebensbereiche sollten dem Markt überantwortet werden, welche nicht? Wie geht die Gesellschaft mit denjenigen um, die im ökonomischen Wettbewerb unterliegen?
Die neue Boheme, die ich im Radialsystem kennenlernte, versucht die richtige Mischung aus Wettbewerb und Solidarität, aus Gewinnstreben und Gemeinsinn zunächst einmal im eigenen Leben umzusetzen. Sicher, mit seinem kreativ-digital-freiberuflichen Latte- und Lotterleben verkörpert dieses Milieu eine winzige Minderheit in Deutschland. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein neues Lebensgefühl zunächst in der großstädtischen Boheme breitmacht und von dort nach und nach in den Rest des Landes sickert.
Wer genau hinsieht, merkt schon heute: Immer mehr Menschen begreifen sich selbst (wieder) als links - was immer sie auch im Einzelnen darunter verstehen mögen. Nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland.
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