• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Neue Linke Lafontaine mit Latte macchiato, bitte!

3. Teil: Das Grundrecht auf Fernsehen

Wenn man noch einen Schritt weiter zurücktritt, dann kann man das, was sich im Radialsystem abspielte, ins große Schisma linker Ideologie einordnen. Linke sind ja seit jeher davon überzeugt, dass der Mensch zur Freiheit zweierlei braucht: zum einen die Freiheit von staatlicher Unterdrückung, zum anderen die Freiheit von Armut und Ausbeutung. Nur beides zusammen, gesellschaftlich-politische wie ökonomisch-soziale Freiheit, ergibt wahre Freiheit im linken Sinne.

Beide Dimensionen der Freiheit stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das sich durch die gesamte linke Ideologiegeschichte zieht: Wer ausschließlich die soziale Freiheit betont, landet in der DDR: totale materielle Absicherung bei weitgehender politischer Unterdrückung. Wer ausschließlich die politische Freiheit betont, landet beim Anarchismus. Alle Spielarten linker Ideologie bewegen sich letztlich irgendwo im Kontinuum zwischen diesen beiden Extremen.

Verglichen mit dem, was heute die Linkspartei fordert, tendiert die Boheme vom Spreeufer wahrscheinlich deutlich stärker in Richtung gesellschaftlich-politischer Freiheit. Trotzdem ist die linke Boheme kein bisschen weniger links als Lafontaine und Gysi - auch wenn sich im Radialsystem sicherlich keine Mehrheit für flächendeckende Mindestlöhne gefunden hätte.

Zwei weitere Pole linker Ideologie bezeichnen Ausmaß und Methoden gesellschaftlicher Veränderung. Bereits im 19. Jahrhundert zeigten sich diese Pole in den Auseinandersetzungen zwischen linken Revisionisten und noch linkeren Revolutionären, später dann zwischen staatstragenden Sozialdemokraten und umstürzlerischen Kommunisten. Kernfrage: Halte ich das derzeitige Gesellschaftssystem innerhalb des legalen Rahmens für reformierbar - also über Interessenvertretung, Wahlsiege Gesetzesänderungen etc.? Oder glaube ich, dass nur eine revolutionäre Veränderung des Gesellschaftssystems linken Idealen zum Durchbruch verhelfen kann?

Zum Autor

Helene Endres
Christian Rickens, 1971 geboren, volontierte an der Deutschen Journalistenschule in München. Nach drei Jahren als freier Wirtschaftsjournalist, unter anderem für "Brand Eins" und "Die Zeit", kam er im Frühjahr 2000 als Redakteur zum manager magazin. In den vergangenen Jahren erschienen von ihm "Die neuen Spießer" und "Links! Comeback eines Lebensgefühls". Derzeit arbeitet er an seinem neuen Buch "Ganz oben", einem Streifzug durch die Lebenswelt der deutschen Oberschicht. Es erscheint im kommenden Frühjahr.

Um es gleich am Anfang klar zu sagen: In diesem Buch argumentiere ich für eine linke Perspektive, die politische Freiheit deutlich höher bewertet, als es Linkspartei und dem linken Flüge der SPD derzeit in den Sinn kommt. Zugleich will ich diesen neuen linken Liberalismus auf revisionistischem Wege verwirklicht sehen - durch das Werben um Menschen und Mehrheiten. Für eine wie auch immer geartete revolutionäre Veränderung in Deutschland sehe ich keine realistische Option, und noch wichtiger: keine Legitimation. Was berechtigt die Revolutionär dazu, dem Land einen Weg vorzuschreiben, für den sie auf demokratische Weise kein Mandat gewinnen können?

Ja, ja, natürlich kenne ich all die Theorien über die Beschränkungen parlamentarischer Demokratie und warum durch sie nie der wahre Willen der Bevölkerung umgesetzt wird. Kritische Theorie, Bewusstseinsindustrie, you name it. All diese Theorien ändern nichts am grundlegenden Legitimationsproblem von Revolutionären in einer Demokratie: Es gibt innerhalb einer linken Weltsicht keine legitime Instanz, die einem Revolutionär zubilligen könnte, erleuchteter zu sein als der Rest der Bevölkerung - außer seiner eigenen Hybris.

Ich halte auch die Marktwirtschaft für begrüßenswert

Linke müssen sich endlich daran gewöhnen: Die Mehrheit der Deutschen will abends tatsächlich vor allem in Ruhe fernsehen und hat alles Recht dazu.

"Links" von Christian Rickens: Comeback eines Lebensgefühls

"Links" von Christian Rickens: Comeback eines Lebensgefühls

Die Ablehnung von Revolution sollte nicht verwechselt werden mit der Ablehnung linker Utopien. Im Gegenteil, Linke müssen endlich wieder lernen, von einem besseren Morgen zu träumen, anstatt nur die Welt von gestern zu verteidigen. Aber legitim umgesetzt werden können diese utopischen Ziele in Deutschland nur auf "revisionistischem" Weg.

Liebe Linke, es kommt noch schlimmer: Ich halte nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern auch die Marktwirtschaft für außerordentlich begrüßenswert. Der ökonomische Wettbewerb um das beste Angebot zum niedrigsten Preis in freien Märkten, das individuelle Streben nach materiellem Vorteil als Motor des Fortschritts: All dies sind wunderbare Mechanismen, die es auch für Linke zu nutzen und zu erhalten gilt.

Die Fragen, über die in diesem Buch diskutiert werden soll, sind subtiler als der platte Gegensatz Staat oder Macht: Welche Lebensbereiche sollten dem Markt überantwortet werden, welche nicht? Wie geht die Gesellschaft mit denjenigen um, die im ökonomischen Wettbewerb unterliegen?

Die neue Boheme, die ich im Radialsystem kennenlernte, versucht die richtige Mischung aus Wettbewerb und Solidarität, aus Gewinnstreben und Gemeinsinn zunächst einmal im eigenen Leben umzusetzen. Sicher, mit seinem kreativ-digital-freiberuflichen Latte- und Lotterleben verkörpert dieses Milieu eine winzige Minderheit in Deutschland. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein neues Lebensgefühl zunächst in der großstädtischen Boheme breitmacht und von dort nach und nach in den Rest des Landes sickert.

Wer genau hinsieht, merkt schon heute: Immer mehr Menschen begreifen sich selbst (wieder) als links - was immer sie auch im Einzelnen darunter verstehen mögen. Nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 20 Beiträge
Peter Sonntag 19.08.2008
Linkssein bedeutet mit dem Strom schwimmen. Wer wäre denn gegen soziale Gerechtigkeit und für hohe Managergehälter ? Wer wäre gegen höhere Löhne und niedrigere Preise ? Wer wäre denn für Neoliberale und Rechte ? [...]
Zitat von sysopLinkssein ist wieder so hip wie ein Pali-Tuch um den Hals. Doch ist das Ausdruck echter Haltung oder bloßer Hype? Christian Rickens nähert sich in seinem neuen Buch "Links" einem Lebensgefühl zwischen Pose, Protest und Piefigkeit. Lesen Sie exklusiv auf SPIEGEL ONLINE Auszüge. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,572953,00.html
Linkssein bedeutet mit dem Strom schwimmen. Wer wäre denn gegen soziale Gerechtigkeit und für hohe Managergehälter ? Wer wäre gegen höhere Löhne und niedrigere Preise ? Wer wäre denn für Neoliberale und Rechte ? Heuchelt mal schön weiter, bis der Zeitgeist wieder einmal umkippt.
Strichnid 19.08.2008
---Zitat--- Und deshalb kann auch kein wirklicher Linker etwas dagegen haben, dass polnische Handwerker bei uns Fliesen verlegen und Slowaken den VW-Touareg zusammenschrauben. Linkssein verträgt sich nicht mit Protektionismus [...]
---Zitat--- Und deshalb kann auch kein wirklicher Linker etwas dagegen haben, dass polnische Handwerker bei uns Fliesen verlegen und Slowaken den VW-Touareg zusammenschrauben. Linkssein verträgt sich nicht mit Protektionismus ---Zitatende--- Oh doch - ein Linker (wie ich) hat zwar sicher nichts gegen Berufs- und Ortswahlfreiheit, sehr wohl aber hat ein Linker etwas dagegen, wenn Slowaken und Polen nur deshalb hier bei uns arbeiten, weil sie billiger sind. Das schadet letztendlich allen, und wenn Protektionismus der einzige Weg dagegen ist in einer globalisierten Welt ... glaube ich aber nicht, nur fehlt der politische Wille auf höheren Ebenen, Lohn- und Steuerdumping innerhalb der EU entgegenzutreten. ---Zitat--- Thomas E. Schmidt hat ja in der "Zeit" sehr zutreffend angemerkt, dass die Linkspartei das erste sozialistische Projekt ist, das ohne Fortschrittsglauben auskommt. ---Zitatende--- Dem kann ich nicht zustimmen. Den meisten in der Linkspartei, die ich kenne, geht es um eine fortschrittlichere Zukunft. ---Zitat--- Liebe Linke, es kommt noch schlimmer: Ich halte nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern auch die Marktwirtschaft für außerordentlich begrüßenswert. Der ökonomische Wettbewerb um das beste Angebot zum niedrigsten Preis in freien Märkten,...blabla ---Zitatende--- Lieber Autor, wenn Sie nicht wussten, dass die Linke in dem Punkt schon sehr viel weiter ist als Sie (und zum Beispiel das Existieren freier Märkte bereits als Legende erkannt hat), sollten Sie am besten gleich mal intensiver im linken Lager recherchieren. Was Sie sich als links wünschen, ist links zu denken und zu fühlen, aber bloß niemals politische Forderungen zu stellen, die tatsächlich die sozialen Probleme lösen könnten. Allein die Frage "Wie geht die Gesellschaft mit denjenigen um, die im ökonomischen Wettbewerb unterliegen?" offenbart das, denn sie ist längst anachronistisch. Es gibt kein Hier&Jenseits aus "Gesellschaft" und "Schwachen", denn die Gesellschaft ist die, die geschwächt ist. Im ökonomischen Wettbewerb unterliegt bald nahezu jeder, weil es die Arbeit schlicht nicht mehr braucht. Hierfür müssen Lösungen gefunden werden, nicht für "Verlierer".
Es_regnet 19.08.2008
„Hochgebildete, hochproduktive, internetaffine Menschen, die wahrscheinlich morgen als Unternehmensberater bei McKinsey anfangen könnten – die sich aber allesamt lieber als Freiberufler in ungesichertenmateriellen Verhältnissen [...]
„Hochgebildete, hochproduktive, internetaffine Menschen, die wahrscheinlich morgen als Unternehmensberater bei McKinsey anfangen könnten – die sich aber allesamt lieber als Freiberufler in ungesichertenmateriellen Verhältnissen durchschlagen.“ Das also ist der neue Linke? Vielleicht täte ein bisschen Theoriearbeit nicht schaden, dann wäre auch den Autoren klar, dass sie einfach nur neoliberal wären, Habitus inklusive. „Linke“ Gerechtigkeit ist nicht, sein eigenes Humankapital zu maximieren, und dann die gerechte Chance zu erhalten, ein angemessenes Einkommen zu erzielen. „Linke“ Gerechtigkeit ist erst einmal mindestens, die gerechte Chance zu haben, sein eigenes Humankapital zu maximieren. Gegen Nazis sein und unangepasst hipp rumlaufen reicht wohl kaum.
porsche-klaus 19.08.2008
Ich dachte immer das „Links“ heißt, dass der Mensch dem Menschen wert ist (um es mal mit den Worten der Renft Combo zu sagen)...
Ich dachte immer das „Links“ heißt, dass der Mensch dem Menschen wert ist (um es mal mit den Worten der Renft Combo zu sagen)...
C-W-W 19.08.2008
Wieso sollte Links-sein in sein? Kann mir keiner erzählen, daß das unerfolgreichste politische Modell aller Zeiten irgendwie "cool" sein soll. Freihiet sollte in sein. Und Demokratie. Und der eigene Einsatz. [...]
Wieso sollte Links-sein in sein? Kann mir keiner erzählen, daß das unerfolgreichste politische Modell aller Zeiten irgendwie "cool" sein soll. Freihiet sollte in sein. Und Demokratie. Und der eigene Einsatz. Fremdbestimmheit ist schrecklich und menschenverachtend.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP