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Krimis aus Finnland Von Mord nach Süd

2. Teil: Finnlands Krimistarautorin - eine Schwedin?

Umso verwunderlicher, dass die lange Zeit wohl bekannteste und über ihre Landesgrenzen hinaus erfolgreichste Finnin, Leena Lehtolainen, 44, zugleich die schwedischste war. Denn ausgerechnet die Literaturwissenschaftlerin aus Helsinki schuf mit Mario Kallio die feministische und politisch korrekte Antwort auf Kurt Wallander und seine Macho-Kumpel, von Erik Winter bis Van Veeteren oder Varg Veum.

Lehtolainens Ermittlerin von der Polizei in Espoo spielt Fußball, trinkt Whisky und kennt sich aus mit Autos. Kallio kämpft gegen Frauenunterdrückung, Rollenklischees und Gewalt, die sich oft, wen wundert's, gegen Frauen richtet. Und bringt nebenbei noch Kinder zur Welt.

"Das beste Buch, das man schreiben kann, schafft einen Charakter, an den man sich lange erinnert", sagt Lehtolainen. Das Rezept ist offenbar erfolgreich. Zehn Romane mit Maria Kallio hat sie bereits geschrieben, Nummer elf ("Auf der falschen Spur"), in der eine Journalistin ermordet wird, kommt im Januar auf den Markt.

Ob politisch korrekt oder nicht, Lehtolainen und Kallio waren für die Finnen so etwas wie die Türöffner zum internationalen Markt. Die neue (männliche) Generation der Soininvaaras profitiert davon ebenso wie die etablierten Schreiber.

Pentti Kirstilä, 60, zum Beispiel, einer der wenigen Granden unter den finnischen Krimi-Autoren. Er schrieb seinen ersten Krimi immerhin schon 1977, wurde zuhause zweimal mit dem Krimipreis ausgezeichnet und kam doch erst 2004 mit seinem eigenbrötlerischen Kommissar Lauri Hanhivaara in die deutschen Buchläden.

In "Klirrender Frost", seinem vierten Fall für Hanhivaara, geht es um einen finnischen Unternehmer, der verrückt wird und am Ende seinem eigenen Komplott zum Opfer fällt. Die Geschichte entwickelt sich langsam, wie ein skurriler Gesellschaftsroman, bis sich der Fall als mitreißende Detektivstory mit hohem Unterhaltungswert entpuppt.

Ilkka Remes, 46, gilt mit seinen Polit-Thrillern als "meistgelesener Autor" in Finnland. "Am atemberaubendsten" sei die Erkenntnis, hat Remes einmal gesagt, "dass die realen Ereignisse die Grenzen der Phantasie längst überschritten haben". Das gilt für seinen neuesten Roman, "Das Erbe des Bösen" exemplarisch.

Der exzellent recherchierte Thriller verknüpft die reale deutsche Nazi-Vergangenheit - mit Euthanasie-Programmen, Menschenversuchen, Hitlers Atomforschungen und Wunderwaffentests - auf packende Weise mit fiktiven politischen Machenschaften der Gegenwart.

Vom Star-Journalisten zum Krimi-Autoren

Die vielfach ausgezeichnete Regisseurin und Drehbuchautorin Auli Mantila, 44, legt in ihrem Erstling "Eine gefährliche Art von Glück" ein glanzvolles Debüt hin. Sie hat mit der Versicherungsdetektivin Inkeri Arte nicht nur einen neuen Ermittler-Typ kreiert. Sie erzählt die Geschichte eines Bombenanschlags auf ein Einkaufszentrum und der Sicht der gleich doppelt darin verwickelten Versicherungsagentin: als Ermittlerin für ihr Assekuranzunternehmen und als tragisch verstrickte Schwester eines der Bombenopfer.

Shooting Star unter den neuen Finnen dürfte Matti Rönkä sein. Der 48-jährige Journalist war Redaktionsleiter und Anchorman eines beliebten Fernsehnachrichtenmagazins, eine Art Tom Buhro beim größten finnischen Privatsender. Bis ihm, ähnlich wie bei Soininvaara, der Druck des TV-Geschäfts mit komplizierten Personal- und Budgetentscheidungen zu groß wurde.

"Ich wollte ein besserer Mensch werden", beschloss Rönkä 2000, "und Geschichten schreiben". Anders als sein Kollege war er allerdings weniger überzeugt von sich. "Ich glaubte nicht an meine Idee, dass ich den Leuten was zu sagen hatte", erzählt Rönkä, deswegen entschied er sich für Kriminalromane.

Rönkä stammt aus dem Norden Kareliens, jener heiß umkämpften Grenzregion zwischen Finnland und Russland nordöstlich von St. Petersburg, die seit dem Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen sowjetisch und jetzt russisch ist. Aufgrund der wechselhaften Geschichte leben bis heute Zehntausende Ingermanländer in der Region - sogenannte "russische Finnen", deren Vorfahren aus Finnland in die Sowjetunion oder nach Estland ausgewandert waren und bis heute dort leben - wenn sie nicht ihre Übersiedlung in die alte Heimat organisieren konnten.

Handlanger russischer Freunde

Viktor Kärppä ist so einer, der es gerade noch geschafft hat. Die Hauptfigur Rönkäs ist halb Russe und halb Finne und entsprechend zerrissen in seinen Gefühlen und seinem Alltag. Als heruntergekommener Privatdetektiv schlägt er sich in Helsinki durch. Kärppä verdingt sich einerseits als Handlanger alter russischer Freunde, die am Rande der organisierten Kriminalität (und manchmal auch mittendrin) allerlei anrüchige Geschäfte machen. Dabei entwickelt der ausgebildete Elitesoldat seine ganz eigene Moral: "Er ist zum Töten ausgebildet, aber er kann's nicht", sagt Rönkä.

Andererseits versucht Kärppä ein echter Finne zu werden. Deshalb versorgt er einen Kommissar mit Insiderinformationen, um das Schlimmste zu verhüten und sein Gewissen zu beruhigen. Die Figur ist einzigartig im ausufernden Krimi-Genre, ein Außenseiter mit einer eigenen "moralischen Balance", so Rönkä. Ein "Grenzgänger" wie auch sein erster Roman heißt, der erst in Finnland und 2008 auch in Deutschland als bester Krimi ausgezeichnet wurde.

In Finnland sind bereits vier Bücher mit Kärppä auf dem Markt, in Deutschland ist gerade der zweite herausgekommen: "Bruderland". Es geht um klinisch reines Heroin, dass auf einmal in großes Mengen über die russische Grenze ins Land kommt und um Viktor Kärppäs Vergangenheit. Rönkä erzählt erneut mit Witz und Ironie, die seinen journalistischen Hintergrund erkennen lässt, und manchmal vielleicht sogar schon etwas zu unernst für den Geschmack orthodoxer Krimi-Fans.

"In Finnland gibt's keine Privatdetektive wie Phillip Marlowe", jenen unbestechlichen, sentimentalen Einzelgänger aus der Feder des legendären Raymond Chandler, verteidigt sich Rönkä. Und: "Finnen sind anders eben als die meisten Skandinavier". Krimileser wissen das. Und sind dankbar dafür.

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