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03.09.2008
 

King-Comic "Der Dunkle Turm"

Apokalypse mit Cowboyhut

Von Stefan Pannor

Das hätte sich nicht einmal Clint Eastwood getraut. So düster, dreckig und wahnsinnig wie die Comic-Adaption der Stephen-King-Endzeit-Saga "Der Dunkle Turm" hat bisher niemand den Wilden Westen gezeigt. Ein grauenvolles Werk im besten Sinne.

Das Grauen liegt den Vereinigten Staaten im Herzen. 1930 malte Grant Wood sein berühmtes Gemälde "American Gothic", darin porträtiert er ein vertrocknetes Farmerspaar, der Mann mit einer Forke in der Hand, vor einem Landhaus im Stil der sogenannten Zimmermanns-Gotik, dem das Bild seinen Namen verdankt.

Doch "Gothic" steht im Englischen genauso für die Schauergeschichte, den psychologischen Grusel. Und der findet sich auch in diesem freudenfeindlichen Gemälde aus dem Mittleren Westen der USA, weshalb auch ganz Iowa damals auf die Barrikaden ging. Man hatte sich wiedererkannt. Eine Farmersfrau drohte sogar wütend, sie würde Wood ein Ohr abbeißen. Dabei hatte dieser das Bild doch nur nach alten Fotografien jener Kornkammer Amerikas gestaltet.

Menschen, die einem das Ohr abbeißen könnten in all ihrer freudlosen Existenz, findet man auch in Jae Lees graphischer Adaption von Stephen Kings Fantasy-Saga "Der Dunkle Turm". Eine verhutzelte Farmersmuhme ist da zu sehen, hier ist sie eine Hexe. Viele Viehhirten und Sheriffs auch, langhaarig und zerlumpt, ihr einziges Vergnügen besteht darin, ihr kleines bisschen Macht mit Gewalt an anderen auszulassen.

Und mittendrin Königssohn Roland, ein Heranwachsender, der in Blue Jeans, mit der Waffe in der Hand und pubertärer Ungeduld im Herzen für Ordnung sorgen möchte und sich in der hinterwäldlerischen Einöde mit den Mächten des Bösen konfrontiert sieht, die Mittwelt zu überrennen drohen.

Denn dies ist nicht Amerika. "Der Dunkle Turm" ist Fantasy - man sieht es nur nicht sofort.

Konsequent werden in dem Comic die Motive des klassischen Western - also die klassischen amerikanischen Motive schlechthin - ins Phantastische umgedeutet, bis sie sich mit einer Bedeutung des Grauens aufladen.

Der Comic basiert auf Stephen Kings gleichnamiger Serie aus sieben Romanen, die der Autor von 1970 bis 2004 schrieb. Nicht nur, weil das Projekt damit beinahe Kings gesamtes Werk zeitlich umschließt, ist es das vielleicht Ungewöhnlichste des Vielschreibers aus Maine.

Anders als in seinen meist realitätsnahen Romanen schildert King in der Serie eine komplett aus den Fugen geratene ferne Welt, in der ein paar Revolvermänner versuchen, die Apokalypse mit Sechsschüssern zu verhindern. Und wenn King in den Geschichten Revolvermänner, Roboter und Riesenspinnen, dreckige Western-Städte und Hightech-Schienenbahnen vermengt, ist die Welt des "Dunklen Turms" nicht nur ein wenig verrückt, sondern komplett irre.

Düsteres Schattenspiel

Schon in seinen Romanen ist der Mittlere Westen sehr präsent. Kings Helden wandern auf ihrer Suche nach einem legendenumwobenen dunklen Turm über lange Strecken durch Gegenden, die an ein Apokalypse-Mix-up mit Elementen von Sergio Leone, John Ford und J.R.R. Tolkien erinnern.

Doch erst Jae Lee macht aus der Endzeit-Saga mit Cowboyhüten ein wahres Stück amerikanischen Grauens. Der gebürtige Koreaner, der vorher vor allem an Marvels Superhelden-Serien gearbeitet hat, gestaltet die Geschichte um die drei blaublütigen Outlaws, die in die Stadt reiten, um das Mädchen, das Öl und die Welt zu retten, als düsteres Schattenspiel.

Nur in den allerwenigsten Sequenzen sind Gesichter und Figuren klar zu erkennen, beinahe alles ist in permanentes Halbdunkel und verwirrende Schatten getaucht. Das ist ein finsterer Westen, wie ihn zu zeigen selbst Clint Eastwood nicht wagte.

"Der Dunkle Turm" ist keine reine Adaption der Romane. Robin Furth, die eine umfangreiche Konkordanz zu Kings Fantasy-Epos verfasst hat, hat die Elemente der Geschichte unter Aufsicht des Horrormeisters selbst aus verschiedenen Aussagen und Andeutungen in den Romanen zusammengesucht.

Die Welt ist nicht gerettet

Peter David, bekannt als Autor des "Hulk" und diverser Star-Trek-Romane, fabrizierte daraus ein Comicskript für die im Original siebenteilige Heftserie, das verblüffend gut den Tonfall der Romane trifft. Die Comicrechte für das umfangreiche Werk hat sich Marvel gesichert.

Der Erstveröffentlichung in den USA Anfang 2007 war eine Harry-Potter-ähnliche PR-Kampagne vorausgegangen, die aus (fast) absoluter Geheimhaltung, hingeworfenen Informationsbröckchen und - als Höhepunkt - einer mitternächtlichen Premierenfeier in New York bestand. Das Ergebnis: beinahe eine Million verkaufte Hefte des Endzeit-Western.

Deshalb endet der Comic relativ offen. Die Welt ist nicht gerettet, auch sonst ist keiner glücklich. Denn das darf nicht sein. Noch nicht. So viel Erfolg verlangt nach einer Fortsetzung.

Insgesamt fünf Bücher sollen es werden, die am Ende die Geschichte des jungen Roland schildern und in einer finalen großen Schlacht gipfeln sollen.

Wem so viel Comic-Endzeit nicht genügt, der hat bald die Chance, auch Kings Apokalypse-Klassiker "The Stand" als Comic zu lesen. Ebenfalls aus dem Hause Marvel. Natürlich.


"Der Dunkle Turm", Heyne, 240 Seiten, 19,95 Euro

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