Raspe erklärte dem BKA-Beamten auch, dass man sie offenbar hinhalte und eine polizeiliche Lösung avisiere. "Damit ist die politische Lösung programmiert", erklärte der RAF-Mann. "Nämliche tote Gefangene."
Die Erinnerungen von Klaus werden komplettiert von Aussagen ehemaliger RAF-Leute, nach denen die "Stammheimer" ihnen in verschlüsselten Kassibern ebenfalls gedroht hatten. Falls die Illegalen nicht endlich eine Befreiungsaktion auf die Beine stellten, drohten sie, "nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand".
Am 8. Oktober 1977, mehr als einen Monat nach der Entführung Schleyers, fuhr Klaus wieder nach Stammheim. Baader hatte um seinen Besuch gebeten. In der Besucherzelle erklärte er: "Die Gefangenen beabsichtigen nicht, die gegenwärtige Situation länger hinzunehmen. Die Bundesregierung wird künftig nicht mehr über die Gefangenen verfügen können." Auf die Frage von Klaus, wie das zu verstehen sei, antwortete Baader: "Das ist eine Drohung." Außerdem sprach er von einer "irreversiblen Entscheidung der Gefangenen".
Nur einen Tag später bat Gudrun Ensslin um einen Besuch. "Sie sprach wie zuvor schon Raspe und Baader", erinnert sich Klaus an das Gespräch, "von Selbstmord."
Der BKA-Mann informierte den Anstaltsleiter Hans Nusser über die Selbstmorddrohungen. Doch der habe nur gesagt: "Letztlich wäre Selbsttötung nicht zu verhindern."
"Eigentlich ist es zu spät"
Klaus gab die Selbstmorddrohungen auch im BKA weiter. Am 9. Oktober 1977, so zeigt es ein dem SPIEGEL vorliegendes Dokument, wurde die Verfassung der Häftlinge in Bonn ausführlich diskutiert. "Sitzung des kleinen Krisenstabes am 9. Oktober", heißt es in einem Drahterlass des Auswärtigen Amtes in Bonn an Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der sich gerade in Tokio aufhielt.
"In der fast dreistündigen Sitzung wurde in der Ihnen von mir schon angezeigten Richtung diskutiert. Es lagen zwei ausführliche Äußerungen von Ensslin und Baader vor, die die Nervosität der Gefangenen widerspiegeln und Drohungen auf irreversible Entwicklungen, die auch als Selbstmordabsichten gedeutet werden können, enthalten."
Die Verantwortlichen hätten sich daraufhin ein paar naheliegende Fragen stellen müssen: Wie wollen die Häftlingen Selbstmord begehen? Wie ließe sich das verhindern? Wie können sie trotz Kontaktsperre miteinander kommunizieren? Geschehen ist in dieser Richtung offenbar - nichts. Zumindest ist nichts davon bekannt.
Klaus ging später davon aus, "dass die Gefangenen mittels Radios, Plattenspielern und Lautsprechern ein perfekt funktionierendes Kommunikationssystem über zwei miteinander verbundene Kabelnetze installiert hatten". Im Herbst 1977 habe er das aber nicht gewusst.
Am 17. Oktober hatte Baader das letzte Gespräch mit Klaus mit den Worten eröffnet: "Eigentlich ist es zu spät." Baader wusste, warum er das sagte. Weniger als 24 Stunden später legte er eine Pistole an seinem Genick an und drückte ab.
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