Von Marianne Wellershoff
1968 war ein historisches Jahr in Deutschland, und neben den vielen vieldiskutierten politischen Umbrüchen und Neuerungen, die die Studentenunruhen nach sich zogen, ist eine kleine Revolution praktisch unbemerkt geblieben: In jenem Jahr erschien das Kinderbuch "Mein Esel Benjamin" von Hans Limmer, das mit Schwarzweißfotos illustriert war. Fotos statt Zeichnungen bei einem Bilderbuch, das war auch eine Revolution.
Doch leider hat diese Idee nicht den Marsch durch die Institutionen angetreten: In den Regalen der Buchhandlungen steht auch heute noch lediglich ein einziges Fotobuch für Kinder, "Mein Esel Benjamin". Ansonsten ein Meer von Zeichnungen, mal niedlicher, mal realistischer, aber nie real. Schade eigentlich. Und erstaunlich auch, wo doch beispielsweise die Computerspielanimation immer naturalistischer wird.
Aber nun, vierzig Jahre später, hat es wieder jemand gewagt, ein Kinderbuch mit Fotos zu illustrieren: "Die Abenteuer des Ritters Gawain" heißt das Werk, für dessen Veröffentlichung der Autor Edmund Jacoby, ein promovierter Philosoph und Kinderbuchautor, das Verlagshaus Jacoby Stuart mitgegründet hat. "Künstlerisch überzeugende Bilderbücher", so die Ankündigung der Berliner Verleger, wolle man auf den Markt bringen, und mit "Die Abenteuer des Ritters Gawain" ist dies jedenfalls gelungen.
Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Ritters, der unerschrocken, wenn auch manchmal etwas heißblütig, für das Gute kämpft, was in seinem Fall heißt, dauernd geraubte Frauen aus der Gefangenschaft zu befreien. Das ist als Story nicht gerade originell und aus feministischer Perspektive nur mäßig fortschrittlich, und auch ist nicht erklärlich, warum Präsens und Imperfekt sich im Text unvermittelt abwechseln.
Aber die Bilder von Daniela Kirchlechner sind eine Revolution. Denn die Berliner Künstlerin hat aus Kieselsteinen, Modelleisenbahnbäumen und Stoffresten Landschaften gebaut, in diese selbstgebastelte Pferde und Ritter aus Drahtschwämmen gestellt, das Ganze fotografiert und anschließend digital bearbeitet. Das ist für das Genre Kinderbuch, das weitaus konservativer ist als beispielsweise die Kochbuchszene, quasi ein neues 1968. Wobei es, nebenbei bemerkt, im Debütprogramm von Jacoby Stuart auch ein von Daniela Kirchlechner fotografiertes und geschriebenes Schokoladenkochbuch gibt ("Im Reich der Schokolade"; erscheint im Oktober).
Es ist ganz schön mutig, einen neuen Kleinverlag mit einem solchen Experiment zu belasten; etablierte Kinderbuchverlage lehnen Foto-Kinderbücher meist von vorneherein mit dem Argument ab, sie seien den Müttern und Vätern nicht niedlich genug. Aber stimmt das wirklich? "Die Abenteuer des Ritters Gawain" sind, durch Kombination von Foto und digitaler Montage, vielleicht eine Chance, das Gegenteil zu beweisen und von diesem Dogma abzurücken. Zumindest jedenfalls für die Leser.
Daniela Kirchlechner, Edmund Jacoby: "Die Abenteuer des Ritters Gawain". Verlag Jacoby Stuart, Berlin; 32 Seiten, 12,95 Euro (ab 5 Jahren).
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