Von Olaf Ihlau
Jüngst offenbarten wissenschaftliche Studien, wie erschreckend wenig deutsche Jugendliche heute über die einstige DDR wissen. Und zwar in Ost wie West. Dabei neigen allerdings ostdeutsche Schüler, wohl unter dem Eindruck von Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, weit mehr zu einer Verklärung der SED-Diktatur und halten etwa die Stasi für einen ganz normalen Geheimdienst.
Die Überwacher der Staatssicherheit spürte Peter Pragal stets an seinen Fersen, beruflich und privat, als er 1974 für die "Süddeutsche Zeitung" in das Abenteuer DDR zog. Der zwei Jahre zuvor vereinbarte Grundlagenvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten hatte dafür gesorgt, dass westdeutsche Journalisten nun als akkreditierte Korrespondenten in der DDR arbeiten durften. Pragal war der erste, der mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern seinen Wohnsitz vollständig nach Ost-Berlin verlegte, damit auch seinen privaten Lebensmittelpunkt. Andere sicherten sich vorsichtshalber ab mit einer Zweitwohnung in der Fluchtinsel West-Berlin.
Für die Umsiedler aus München, die sich wie Pioniere fühlten, war die schroffe Welt des realen Sozialismus ein Kulturschock. Rund um das neue Domizil im Plattenhochhaus an der Ho-Chi-Minh-Straße wirkte alles überwiegend grau, düster und trostlos. Über das Alltagsleben bei den "Brüdern und Schwestern" wussten die meisten Bundesbürger damals wenig. Pragal ging auf Entdeckungstour, schrieb auf, was er hörte und beobachtete. In der Straßenbahn und in der Kneipe, in Geschäften und auf dem Rummelplatz, auf der Poststelle, im Theater. Seine Tagebuch-Kolumne "In der DDR notiert" wurde ein Renner.
Es bereitete dem gebürtigen Schlesier Spaß, in die Rolle eines DDR-Bürgers zu schlüpfen und nicht sofort als Westler erkannt zu werden. So ahnten etwa die Angehörigen der "bewaffneten Organe", die sich in der Sauna einer nahe gelegenen Schwimmhalle lebhaft über Probleme ihrer Arbeit und des Parteilebens austauschten, offenbar nicht, dass als schweigsamer Mitschwitzer regelmäßig der Klassenfeind nackt unter ihnen saß.
Wie ein DDR-Bürger leben und denken
Doch ansonsten blieb der Stasi kaum ein Kontakt, kein Gesprächspartner des für sie unverbesserlichen Antikommunisten, Staatsfeindes und mutmaßlichen BND-Spions Pragal verborgen, wie in seinen Akten "Operativer Vorgang Starnberg" etliche tausend Blatt dokumentieren. Ein Sammelsurium von Banalitäten, doch immerhin notiert ein Stasi-Offizier als Zwischenzeugnis für den journalistischen Kundschafter: "Pragal war bemüht, wie ein DDR-Bürger zu leben und zu denken."
Daran stimmt, dass dieser Zeitzeuge versuchte, die Umwelt im realen Sozialismus auch mit den Augen seiner einheimischen Freunde wahrzunehmen, deren Maßstäbe anzulegen und die wachsende Diskrepanz zwischen ideologischem Anspruch und sozialer Realität an Beispielen aus dem Alltag zu beschreiben. Diese Kritik dürfte manchen SED-Oberen mehr erbost haben als all die Suaden der kalten Krieger aus dem erzkonservativen Lager.
In den Achtzigern war Pragal für den "Stern" noch einmal in Ost-Berlin auf Posten. Anders als mancher Reisekorrespondent aus dem Westen ließ er sich nicht von den sogenannten Errungenschaften und Potemkinschen Fassaden im anderen Deutschland blenden, war nie ein Weichzeichner des roten Polizeistaats. Das klägliche Ende von Honecker, Mielke und Genossen war gleichwohl auch für ihn unerwartet, der Abgang ohne Gegenwehr verblüffend. All das beschreibt er schnörkellos und scharf beobachtend, ganz Journalist der alten Schule, dem es mehr um Vermittlung von Fakten geht als um Selbstdarstellung.
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