Von Claudia Voigt und Silja Ukena
Tim Renner, schmaler Anzug, geringeltes T-Shirt, warmer Händedruck, wenig Zeit. Renner war Chef der Plattenfirma Universal Music Deutschland. Er hat den Einbruch der Plattenindustrie in Deutschland aus nächster Nähe erlebt. "Ich würde der Buchbranche empfehlen, mit dem Pfeifen im Walde aufzuhören", sagt er gleich mal zu Beginn des Gesprächs. Heute leitet Renner das Musikunternehmen Motor, das in einem Loft in Berlin-Mitte sein Büro hat. Zwei riesige Sträuße Mohnblumen als Dekoration, vier Mitarbeiter laufen herum, bei Universal war Renner Chef von rund 500 Leuten. Die dramatischen Veränderungen für das Musikgeschäft hat er kommen sehen, als es möglich wurde, Musikstücke digital zu speichern und zu versenden. Das war Mitte der neunziger Jahre. Aber in den Zentralen der Plattenkonzerne hat man vor dieser Entwicklung die Augen verschlossen. Renner erzählt von einer Tagung der Top-Manager in Vancouver 1994, dort trat ein Wissenschaftler auf, der über die Möglichkeiten des Internet und digitalisierter Musik sprach. Vor ihm seien die Leute reihenweise eingeschlafen, erzählt Renner, später hat sich der Weltboss der Plattenfirma für diesen Vortrag entschuldigt.
Renner ist ein Mann, der schnell und scharf denkt, der druckreif formuliert, und so hat er ein paar präzise Ratschläge für die Buchbranche bereit: Wichtig sei ein vollständiges Angebot der Texte im Internet, Alleingänge einzelner Verlage bringen nichts, weil die Kunden übersichtliche Plattformen wünschen. Zweitens: Schnelligkeit. Sobald ein Text im Verlag lektoriert und abgehakt ist, gehört er ins Internet. Texte, die nicht rechtzeitig offiziell zugänglich sind, werden illegal runtergeladen. Überhaupt: der Kopierschutz? "Bringt gar nichts", sagt Renner. "Nicht umsonst haben von den vier verbliebenen großen Plattenkonzernen heute drei keinen Kopierschutz mehr drauf." Sein Ratschlag: Alle Kraft in die Verbesserung von Möglichkeiten stecken, nicht in Einschränkungen investieren. Deshalb sollte die Buchbranche rasch dafür sorgen, dass Texte und Geräte problemlos kompatibel sind. Und: viele, viele Text-Plattformen gründen. Wenn Amazon allein den Markt beherrsche, könne der Konzern in Deutschland die Bedingungen diktieren.
Aber ist das gedruckte Buch nicht ein Jahrhunderte alter Kulturgegenstand? Da kann Renner nur trocken lachen. "Die Kraft des Haptischen, ha, ha ... Davon war die Musikindustrie auch überzeugt", sagt er. "Natürlich wird das gedruckte Buch nicht völlig verschwinden, gerade erleben auch Vinylplatten bei Liebhabern ein Comeback, aber die Umsätze der Plattenindustrie haben sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert, und sie werden sich noch weiter reduzieren." Der Weg sei immer der gleiche: Irgendwelche Nerds, die in dunklen Räumen sitzen und furchtbare Pullover tragen, entwickeln diese Geräte, und am Ende werden es Fashion-Accessoires, die alle haben wollen.
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