Von Claudia Voigt
Als Lewis Aldrige mit dem Zug in dem kleinen englischen Städtchen Waterford ankommt, wird er von niemanden erwartet. Zwei Jahre war der 19-Jährige im Gefängnis, weil er die Kirche des kleinen Ortes in Brand gesteckt hatte. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zu seinem Elternhaus, in dem seine Stiefmutter Alice nervös auf ihn wartet.
Doch kaum hat er den Bahnhof verlassen, hört er hinter sich ein Auto, das ihn überholt und dann neben ihm bremst. Am Steuer die hübsche Tamsin Carmichael. Sie bietet an, ihn nach Hause zu fahren, eigentlich möchte sie aber ihre Schönheit an ihm erproben. Doch Lewis wendet den Blick lieber gleich von ihren kurzen weißen Handschuhen und schaut stur in die Landschaft.
Willkommen in den fünfziger Jahren. Die junge Engländerin Sadie Jones entführt die Leser ihres Romans "Der Außenseiter" in eine versunkene provinzielle Welt. Erzählt wird die Geschichte zweier Familien. Da sind einmal die Carmichaels. Vater Dickie ist ein Geschäftsmann, wie Geschäftsmänner in dieser Zeit so gewesen sein sollen: konservativ, selbstherrlich, rücksichtslos. Jeden Sonntag nach dem Kirchgang lädt er die angesehenen Familien des Ortes zum Mittagessen in seine Villa, doch sobald die Gäste das Haus verlassen haben, prügelt er entweder seine Frau oder seine jüngere Tochter Kit grün und blau; die schöne Tamsin verschont er, weil ihre Schönheit ihn bannt.
Die Familie Aldrige dagegen passt nicht so recht in die kleinkarierte Fünfziger-Jahre-Welt von Waterford. Die Mutter Elizabeth liest Romane und langweilt sich bei den Einladungen der Carmichaels. Ihr Sohn und ihr Mann vergöttern sie, doch Elizabeth muss sich ziemlich viele Drinks mixen, um mit ihren Leben in Waterford zurecht zu kommen. Auf einem Badeausflug ertrinkt sie vor den Augen ihres Sohns Lewis, als dieser gerade neun Jahre alt ist.
Vater und Sohn kommen in ihrer grenzenlosen Trauer nicht zueinander, und als der Vater wenig später die junge Alice heiratet, werden alle nur noch unglücklicher.
Sadie Jones erzählt das alles sehr stimmungsvoll, die Details stimmen, allerdings auch die Klischees. Nur an wenigen Stellen durchbricht das Buch den vorhersehbaren Handlungsverlauf. Dann gelingen Jones eindringliche Passagen, etwa in der Schilderung des Picknicks am Fluss, an dessen Ende die Mutter ertrinkt, oder in den Momenten der Selbstverletzungen, die sich Lewis immer wieder zufügt. Meist aber entwickelt sich die Geschichte antiquiert und bieder.
Es bleibt rätselhaft, was eine zeitgenössische Schriftstellerin treibt, einen Roman zu schreiben, der so gar nichts von heute wissen will. Vielleicht sollte man "Der Außenseiter" lesen als Buch darüber, dass trotz Finanzkrise und drohender Rezession und Herbst und überhaupt früher gar nichts besser war. Denn dass dies jemand behaupten wird, ist nur eine Frage der Zeit.
Sadie Jones: "Der Außenseiter". Schöffling, Frankfurt am Main; 416 Seiten; 22,90 Euro.
Auf anderen Social Networks posten:
"Mein Leben als Mann" von Philip Roth - Untertitel: Ich traf die Frau, die mein Leben ruinieren sollte,...." - dort finden Sie auch ein bißchen Provinzialismus, es spielt auch in den den 50ern, sehr gut [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
| alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH