Horace Engdahl wird zufrieden sein. Der Ständige Sekretär des Nobelpreiskomitees für Literatur hatte die amerikanischen Autoren als ignorant und selbstgerecht abgefertigt. Amerika sei "zu isoliert, zu insular".
Ob die Literatur Jean-Marie Gustave Le Clézios weltoffener und vielseitiger ist, muss hierzulande wohl noch geklärt werden, in deutschen Buchhandlungen wurden seine Texte bislang jedenfalls mit Zurückhaltung präsentiert. Dies wird sich ändern: Der 1940 in Nizza geborene Franzose hat die prestigeträchtige Auszeichnung erhalten.
Das heißt in Zukunft: Stapelweise das "Protokoll", der 1963 erschienene Debütroman des Autors; Buchberge von "Wüste", dem Prosawerk, mit dem Le Clézio 1980 der endgültige Durchbruch gelang.
Auf die deutschen (und internationalen) Leser kommt Lektürearbeit zu: Le Clézio, der studierte Literaturwissenschaftler und Philosoph, ist nicht Philip Roth und nicht Don DeLillo, die beiden Amerikaner, die man für ihre smarte Kulturkritik im Gewand süffigen Erzählens gern als Preisträger gesehen hätte.
Le Clézios Prosawerk wird begleitet von essayistischer Arbeit: "L'extase matériell" (1967), "Mydriase" (1973) und "Hai" (1973) sind nur drei Beispiele der umfassenden literarischen Reflexion, die der Autor dem Gegensatz von Natur und Kultur, Politik und Humanität gewidmet hat.
In Deutschland wurde zuletzt der Roman "Revolutionen" (2006) begeistert aufgenommen. Wie andere Titel Le Clézios handelt der Text von der Insel Mauritius im Indischen Ozean.
In dem Text betreibt der Schriftsteller Ahnenforschung - Le Clézio hat bretonische Vorfahren - und stilisiert die Insel zu einem verlorenen Paradies, in dem man den korrupten Zeitläuften fliehen kann.
Noch offen ist allerdings, wie viele Leser sich hierzulande in Le Clézios Texten verlieren werden.
Einer ist auf jeden Fall glücklich: USA-Verächter Engdahl. Zur Auszeichnung des Franzosen erklärte er: "Le Clézio hat ein großes Autorenwerk im klassischen Sinne präsentiert. Mit mehr als 40 Werken steht es ungeheuer stark da." Der Autor schätzt seine Arbeit bescheidener ein. In einem vor der Entscheidung aufgenommenen Interview des schwedischen Fernsehens erklärte er: "Für mich hat immer die Suche nach meiner Identität und meinen Wurzeln eine entscheidende Rolle gespielt. Ich wollte meinen Vater verstehen."
dan/dpa/Reuters
Auf anderen Social Networks posten:
Inzwischen habe ich ihn übrigens in meiner Buchhandlung um die Ecke gekriegt. Bin schon gespannt... mehr...
Das ist das Manko der "großen" Buchhandlungen: Deren Sortiment richtet sich nach streng betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Und die Belegschaft ist angewiesen, nur solche Titel für Kunden zu bestellen, bei denen der [...] mehr...
Ich weiß selbst nicht, wo ich das immer lese: Irgendeine Kritikerin ließ verlauten, Le Clézio hätte den Nobelpreis verdient, weil er sich mit dem großen Thema unserer Zeit beschäftige: Der Existenz des Menschen in der [...] mehr...
Ja, auch wenn das manchmal nicht ganz leicht fällt. Als ich gestern in einer großen Hamburger Buchhandlung war, kam ich spontan auf die Idee, mir einen Le Clezio zuzulegen. Gab es nicht, weder auf deutsch noch auf französisch. [...] mehr...
Kipling hat wirklich noch einige andere Bücher geschrieben ausser dem "Dschungelbuch" (weshalb er eben auch kein Jugendbuchautor ist). Die sind aber vor allem in England bekannt, so wie Le Cléziots offenbar vor allem [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
| alles zum Thema Nobelpreis für Literatur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH