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16.10.2008
 

Spitzel-Affäre

Neuer Zeuge könnte Kundera entlasten

Hat Milan Kundera im März 1950 einen antikommunistischen Studenten denunziert? Der Autor dementiert und wittert eine Intrige. Ein plötzlich aufgetauchter Zeitzeuge könnte den Schriftsteller entlasten - doch die Untersuchungsbehörde hält an ihrem Urteil fest.

Prag - In der Spitzel-Affäre um den weltbekannten Autor Milan Kundera hat sich in Tschechien ein Zeitzeuge gemeldet, dessen Einlassung den Schriftsteller entlasten könnte. Der im Jahr 1950 angeblich vom damaligen Studenten Kundera denunzierte Anti-Kommunist Miroslav Dvoracek sei damals von einem weiteren Kommilitonen angezeigt worden, beschrieb der Literaturhistoriker Zdenek Pesat am Mittwochabend in einer Stellungnahme die Ereignisse.

Autor Kundera: Opfer eines "Attentats"?
AFP

Autor Kundera: Opfer eines "Attentats"?

Fest steht: Dvoracek wurde im März 1950 verhaftet, er entging der Todesstrafe und verbüßte 14 Jahre im Gefängnis und Arbeitslager. Das Polizeiprotokoll aus jener Zeit wurde an diesem Montag in Prag veröffentlicht. Es nennt Kundera als einzigen Informanten, durch dessen Hinweis Deserteur Dvoracek vom kommunistischen Regime der damaligen Tschechoslowakei gefasst wurde.

Kundera, der 1975 nach Paris emigriert war, bestreitet entschieden, in den Fall verwickelt gewesen zu sein, sprach von "Lüge" und einem "verdächtig perfekt vorbereiteten Attentat" auf seine Person.

Nun gab Pesat an, sich durch die aktuellen Medienberichte an die Ereignisse zu erinnern. In jenen Tagen habe sich der Mitstudent Miroslav Dlask an ihn, Pesat, als studentischen Funktionär der Kommunistischen Partei gewandt. Im Prager Wohnheim verstecke sich ein Illegaler (Dvoracek) und er habe dies der Polizei gemeldet, sagte Dlask dem Gedächtnisprotokoll von Pesat zufolge.

Aber bedeutet das eine Entlastung für Kundera? Dem Dementi des Erfolgautors war am Wochenanfang in Tschechien nicht geglaubt worden. Das staatliche "Institut zur Untersuchung totalitärer Regime" (USTR) hielt auch am Donnerstag an seiner Position fest. Das in den USTR- Archiven gefundene, Kundera belastende Polizeiprotokoll sei echt, sagte Sprecher Jiri Reichl in Prag.

Kunderas deutscher Verleger Michael Krüger (Verlag Carl Hanser) kommentierte in Frankfurt: "Solange kein Beweis mit Unterschrift Kunderas vorliegt, glaube ich Kundera", sagte Krüger der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er gehe davon aus, dass "Geheimdienste tätig sind, die kurz vor dem 80. Geburtstag dem zum Franzosen gewordenen tschechischen Schriftsteller Kundera schaden wollen", sagte Krüger zu der international beachteten Affäre.

58 Jahre liegen die Ereignisse zurück. Detailfragen zur Wahrheitsfindung können oder wollen krankheitsbedingt weder Dvoracek noch Pesat beantworten. Dlask ist bereits gestorben. Die Ehefrauen von Dlask und Dvoracek, durch tschechische Medien aufgespürt, sehen mit den neuen Erkentnissen Kundera als Täter, zweifeln nicht an der Archivlage.

Der 79-jährige Kundera, der in seinem Werken ("Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins") mit Moral und Wirklichkeit des Kommunismus hantiert, kämpft um seine Reputation.

Jakob Lemke, dpa

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