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20.10.2008
 

Mafia-Roman

Beste oder Bestie

Von Katrin Hillgruber

Ein kleiner Junge, die Mafia und ein phlegmatischer Held: Aus diesen Zutaten macht Roberto Alajmo einen spannenden Roman. "Mammaherz" ist das drastische Porträt einer Familie - und eines von Gewalt geprägten Landes.

Eine fast übermenschliche Anstrengung kostete es den Sizilianer Cosimo Tumminia, endlich mit über 40 bei seiner Mutter auszuziehen. Nun ist er vorläufig ins abgelegene Sommerhäuschen übersiedelt, trifft sich aber jeden Abend mit ihr, um sein liebevoll in Tupper-Schüsseln verpacktes Abendessen in Empfang zu nehmen: "Polpette", Fleischbällchen in Tomatensauce, oder den heiß geliebten "Brociolone", eine deftige Spezialität mit Wurst und Ei.

Mafia-Roman "Mammaherz": "Die" kommen nicht wieder
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Mafia-Roman "Mammaherz": "Die" kommen nicht wieder

Tagsüber betreibt dieser süditalienische Oblomow in dem verschlafenen fiktiven Städtchen Calcara eine Fahrradwerkstatt. Doch da das Dorf an einem Berghang liegt und es ohnehin viel zu heiß ist, verirrt sich kaum ein Kunde zu ihm. Selbstgenügsam fügt sich Cosimo in seine Isolation, die ihm von der "Settimana Enigmistica" ("Rätsel- woche") versüßt wird.

Von seinen Mitmenschen wird er seit jeher gemieden, denn sie halten ihn für einen "Jettatore", einen Unglücksbringer. Das macht sich die Mafia, die solche Berührungsängste nicht kennt, zunutze: Eines Junitages treten "die", deren Name kein einziges Mal fällt, auf den Plan und beauftragen Cosimo, einen etwa zehnjährigen Jungen in seinem Haus zu verstecken. In ein paar Tagen würden sie ihn wieder abholen.

Doch "die" kommen nicht wieder. Die Stille wird immer unheimlicher. Das widerspenstige Kind beißt Cosimo ein Stück seines Ohrläppchens ab und verweigert die Nahrung.

Zum ersten Mal hat der Junggeselle vor seiner übermächtigen, allwissenden Mutter ein Geheimnis. Als sie länger als üblich nichts von ihm hört, steht sie, das Schlimmste befürchtend, mit einer Armada von Koffern vor seiner Tür. Was wird die rechtschaffene Signora Tumminia tun, wie weit ist es von der blinden Mutterliebe zur Komplizenschaft?

Der Schriftsteller und Nachrichtensprecher der RAI, Roberto Alajmo, wurde 1959 in Palermo geboren, wo er heute noch lebt. Er kriecht förmlich in die Gehirnwindungen seines passiven Helden. Seite um Seite gewinnt der äußerlich handlungsarme Roman an Spannung, so dass man ihn kaum mehr aus der Hand legen kann, wie auch Alajmos Fürsprecher Andrea Camilleri meint.

"Ich erwarte von meinen Lesern, dass sie mir an einen unbekannten Ort folgen", sagt Roberto Alajmo. Das einzige, was die groteske Expedition ins "Mammaherz" etwas beschwert, ist die ungelenke deutsche Übersetzung. Dieser Roman hätte Besseres verdient.


Buch Roberto Alajmo: "Mammaherz". Aus dem Italienischen von Kurt Lanthaler. Haymon Verlag, Innsbruck; 252 Seiten; 19,90 Euro.

Lesungen (zweisprachig, Infos: Haymon Verlag):

21.10. Köln (Italienisches Kulturinstitut, Universitätsstraße 31, 19.30 Uhr); 22.10. München (Italienisches Kulturinstitut, Hermann-Schmid-Straße 8, 19.30 Uhr); 23.10. Innsbruck (Haymon Verlag, Erlerstraße 10, 20.00 Uhr); 24.10. Wien (Hauptbücherei, Urban-Loritz-Platz 2a, 19.00 Uhr); 25.11. Zürich (Literaturhaus, Limmatquai 62, 20.00 Uhr).

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