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27.10.2008
 

Neue Bücher im November

Krone ab!

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im November - rezensiert vom KulturSPIEGEL.

BELLESTRIK

Abbas Khider: "Der falsche Inder". Edition Nautilus, Hamburg; 160 Seiten; 16 Euro.

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Das Manuskript liegt verloren im Zugabteil: Es erzählt die Lebensgeschichte von Rasul Hamid, der nach Monaten im Gefängnis aus dem Irak nach Deutschland floh. Eine jahrelange frustierende, harte Flucht durch Jordanien, Libyen, Tunesien, Türkei, Griechenland und Italien, während der Hamid Schlepper, Nepper, Betrüger, einsame Frauen und Entwurzelte trifft. Mit leichtem Ton und feiner Ironie erzählt der in Berlin lebende Exil-Iraker Abbas Khider, 35, diese dramatische Reise immer wieder unter einem neuen Aspekt: Sex, Wunder, Unglücke. Die Konstruktion ist gewöhnungsbedürftig, aber egal, denn gelungen ist umso mehr, wie Khider aus diesem aktuellen Thema unterhaltsamen und überhaupt nicht moralinsauren Lesestoff gemacht hat.

MARIANNE WELLERSHOFF

Josef Winkler: "Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot". Suhrkamp, Frankfurt/M.; 128 Seiten; 9 Euro.

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Nach der Lektüre dieses Breviers mit dem Schutzengel auf dem herrlich bunten Umschlag werden sensible Gemüter freitags so schnell keine Wurstsemmel mehr essen wollen. Josef Winkler, der virtuose Chronist weltweiter Todesfälle und Todeskulte, erinnert sich an ein tragisches Ereignis in seinem katholischen Heimatdorf Kamering. Das Verbot, am Kreuzigungstag Jesu Fleisch zu essen, missachtend, stürmte ein Junge quer über die Straße zum Metzger und wurde überfahren. Mit einer rauschhaften Verkettung unterschiedlichster Unglücksfälle verneigt sich der hochverdiente diesjährige Georg-Büchner-Preisträger vor Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume". Mit ähnlich schwindelerregenden Volten wie Döblin nähert sich Josef Winkler in elf Geschichten dem Rätsel, weshalb "Der Tod zappelt wie die Geburt". Indem er den Schrecken exakt benennt, entsteht so etwas Überraschendes wie Trost.

KATRIN HILLGRUBER

Serge Joncour: "Ultraviolett". Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger. Klett-Cotta, Stuttgart; 184 Seiten; 17,90 Euro.

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Die Idylle ist fast schon vergangen, als das Buch beginnt. Sie dauert nur ein paar Sätze lang. Dann zersplittert die reiche, heile Welt dieses Romans wie eine Autoglasscheibe, in die ein Stein geflogen ist. Der Leser erlebt, wie sich die feinen Risse unaufhaltbar ausweiten - bis alles in sich zusammenfällt. Ohnehin ist das alles eine sehr äußere Idylle: Zwei schöne Frauen liegen im Bikini am Pool eines weitläufigen Anwesens auf einer französischen Insel. Ein Fremder namens Boris nähert sich ihnen, ein Meister der Manipulation. Bald wird klar, dass er von klein auf die Kunst der Empathie und Verstellung geübt hat, um mit kalter Raffinesse von ganz unten nach ganz oben zu kommen. Von Beginn an spinnt der französische Autor Serge Joncour den Leser in Boris' abgründiges Spiel ein, weil er aus der Perspektive des allwissenden Erzählers schreibt. Ein Buch wie von Patricia Highsmith, wirbt der Verlag. Auch wenn Verlagswerbung so eine Sache ist, in diesem Fall hat sie recht.

CLAUDIA VOIGT

Alan Bennett: "Die souveräne Leserin". Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin; 120 Seiten; 14,90 Euro.

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Dieses Buch ist listig und lustig. Lustig, weil es, erfüllt von allerfeinstem britischem Humor, die Monarchin des Vereinigten Königreichs mild lächelnd auf die Schippe nimmt, und listig, weil dieses Vorhaben keineswegs billig abläuft, sondern Elizabeth II. mit einem Touch ins Subversive adelt, den diese vielleicht gern hätte, sich aber nicht leisten kann: Die Königin gerät zufällig in einen städtischen Bücherbus, der im Palast-Hof parkt und nimmt aus purer Höflichkeit - noblesse oblige - ein Buch mit. Sie bringt es zurück, leiht ein neues aus und wird eine eifrige, ja besessene Leserin. Sie ist so gefangen von ihrer neuen Leidenschaft, dass sie beginnt, ihre Pflichten zu vernachlässigen. Ihre Umgebung macht sich Sorgen. Ist die Queen krank? Gar gaga? Der britische Dramatiker Alan Bennett hat sich als Lösung des Rätsels eine Schluss-Volte ausgedacht, die seiner royalen Love-Story wunderbar würdig ist. Krone ab!

JOACHIM KRONSBEIN


SACHBUCH

Martin Burckhardt: "Eine kleine Geschichte der großen Gedanken". Dumont Buchverlag, Köln; 208 Seiten; 14,90 Euro.

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Bislang war der grundgelehrte Grenzgänger zwischen Philosophie und Kunst für seine Essays über Wahrnehmung, Kulturwandel und Scham bekannt. Nun macht er sich das Vergnügen, kleine Münze unter die Leser zu verteilen: Was ein Aktenordner mit dem Soziologie-Patriarchen Max Weber zu tun hat, ob Individualität wirklich Entfesselung bedeutet und wie die Wahrheit beim Wiederkäuen sicherer werden könnte - solche und schwerere Fragen werden in den 35 Kapitelchen dieses intellektuellen Spaziergangs graziös und profund beantwortet; das Fußnotengeschoss auf nahezu jeder Seite nennt dazu historische Ereignisse. Wieder einmal hat Burckhardt so hintersinnig ein Genre unterwandert: Was in Geschenkbuch-Sammelsurien zur bloßen Zerstreuung verkommt, ordnet sich hier zum fröhlichen Grundkurs in Geistesgeschichte.

JOHANNES SALTZWEDEL


HÖRBUCH

Truman Capote: "Die Hunde bellen". Kein & Aber, Zürich; 2 CDs, 150 Minuten.

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Marilyn Monroe kommt immer zu spät und hat nie Geld dabei, sie mag Beerdigungen nicht wegen der vielen Leichen im Leichenschauhaus, sie ist naturblond, aber nicht so blond, wie sie dann auftritt, und sie war dabei, als Errol Flynn sein Geschlechtsteil auspackte und damit "You are my sunshine" auf dem Klavier spielte - man lernt eine Menge mit Truman Capotes literarischen Reportagen. Und es gibt viel zu lachen. Staunen lässt sich auch, vor allem über Capote, der theoretisch ganz hervorragend darüber nachdenken konnte, dass gute Sätze "schlicht" zu sein hätten und "klar wie ein Gebirgsbach"; Understatement sei das Wichtigste, schrieb er. Aber er schaffte das nicht. Im Kern sagt er in diesen Texten nichts anderes, als dass er viele wichtige Menschen kannte - er kannte sie immerhin wirklich, und schreibend entwaffnet er sie. Die Übersetzung ist etwas modern, hat Marilyn wirklich "verarschen" gesagt? Hanns Zischler aber spricht, als wäre er Capote: an einem Winterabend beim Whiskey, einsam an einem New Yorker Tresen.

KLAUS BRINKBÄUMER

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