Von Ulrich Baron
Was einem bei einer persönlichen Begegnung mit Michael Crichton als erstes auffiel, war seine Größe. Mit seinen 2,06 Metern ragte der am 23. Oktober 1942 in Chicago geborene Schriftsteller deutlich aus der Garde der US-Star-Autoren heraus. Sobald er aber zu sprechen begann, legte sich die Irritation, denn er sprach mit der freundlichen Professionalität eines kompetenten Arztes, der er nach seinem Medizinstudium in Harvard auch hätte werden können.
Gegen die Krebserkrankung aber, der Crichton am Dienstag im Alter von 66 Jahren erlag, waren alle Ärzte machtlos.
Die Themen, die er in seinen Büchern und Filmen anschnitt, passten nicht zur Schulmedizin. Umso besser aber in die Literatur und ins Kino. Sein Roman "The Andromeda Strain" ("Andromeda") führte 1969 in den Hochsicherheitstrakt eines biologischen Labors, das schon die "Hot Zones" einschlägiger Seuchen-Thriller der neunziger Jahre vorwegnahm. 1970 verfilmt, erzeugte diese Story einen Grad von Klaustrophobie, den auch Crichtons spätere Werke nicht mehr zu überbieten vermochten.
Crichtons beste Stücke waren solche wissenschaftlich fundierten Hochsicherheitskammerspiele, die in abgeschotteten Arealen inszeniert wurden – sei es in einem Zug, wie 1979 in "The Great Train Robbery" ("Der große Eisenbahnraub"), im "Jurassic Park" (1990) auf einer Insel oder in einem abgelegenen Forschungstrakt, wo die Helden von "Prey/Beute" (2002) von einem Schwarm aggressiver Nanoroboter bedroht werden.
Schon vor "Andromeda" hatte Crichton unter den Pseudonymen John Lange und Jeffrey Hudson Romane veröffentlicht. Später arbeitete er auch als Drehbuchautor, Regisseur - und als Produzent unter anderem der populären Arzt-Serie "Emergency Room" ("ER", ab 1994), für die er auch Bücher schrieb.
Die führte ihn wie sein letzter Roman "Next" (2006) zu seinen medizinischen Wurzeln zurück, aber Crichton ließ kein publikumsträchtiges Thema aus und griff neben wissenschaftlichen auch gesellschaftliche Trends auf.
Dabei sah er sich durchaus als Brückenbauer zwischen einer bisweilen öffentlichkeitsscheuen Wissenschaft und seinen Lesern. Hart an den wissenschaftlichen Fakten entlang schreibend, sei er manchmal auch von der Entwicklung überholt worden, bekannte Crichton. So habe er 1979 eines Szene seines Romans "Congo" ändern müssen, nachdem ein Aufsatz im "Scientific American" deren Clou vorweggenommen habe.
Dass seine Visionen einholbar erschienen, bewahrte Crichton davor, in die Schublade der Science Fiction gesteckt zu werden. Der besondere Reiz seiner Bücher und Filme lag darin, dass einem Raptoren und Nanokiller darin weit näher gerückt schienen als die Sternenkriege der Genreliteratur.
Lief in seinem Film "Westworld" (1972) der Roboter eines Western-Parks Amok, so griff der Roman "Rising Sun" ("Nippon Connection") 1992 jene damals sehr konkrete Phobie auf, die von ungenierten asiatischen Investoren in den USA ausgelöst worden war.
1993 behandelte Crichton in "Disclosure" ("Enthüllung") das aktuelle Reizthema sexueller Nötigung gewissermaßen am Hightech-Arbeitsplatz. "Timeline" bemühte 1999 die Quantenphysik für eine Zeitreise ins populäre Mittelalter, und in "State of Fear" ("Welt in Angst") zeigte sich der Autor 2004 als Kritiker der Umwelt- und Klima-Schützer, was ihm harsche Attacken einbrachte.
Crichtons Auftreten als Klima-Skeptiker überzeugte auch literarisch nicht, denn seine Stärke lag in der Entwicklung von geschlossenen Szenarien und dramatischen Konstellationen, in denen es nicht auf Psychologie, Dialoge und Argumente ankam.
Apparate- und Animationskino
Seine Stars waren Mikroorganismen wie in "Andromeda" und die Nano-Roboter in "Prey" oder übergroße Monstren wie der Tyrannosaurus Rex in "Jurassic Park". Dessen Fortsetzung "Lost World", deren Titel an Crichtons großen Anreger Arthur Conan Doyle und seinen Roman "The Lost World" erinnerte, war aber so unverkennbar auf ein Film-Set hin geschrieben, dass man auch gleich ins Kino gehen konnte.
Crichtons Kino war Apparate- und Animationskino. So ist das wohl einzige menschliche Gesicht, das man dauerhaft mit einem Crichton-Film verbindet, dasjenige Yul Brynners in seiner Rolle als Roboter-Cowboy Gunslinger in "Westworld". Und das ist einem im Gedächtnis geblieben, weil er es abnehmen konnte wie eine Maske, so dass darunter sein mechanisches Innenleben zum Vorschein kam.
Den Lorbeer der Hochkultur verdient man sich mit solchen mechanischen Machinationen nicht. Crichton aber war ein Profi, der einem unumwunden sagte, dass er auf seinen Welterfolg mit den Dinosauriern von "Jurassic Park" nur noch die Zeitreise von "Timeline" hätte setzen können. Er wollte "technologische Geschichten erzählen, in denen es unwichtig war, wer die speziellen Figuren sind", sagte er auf die Bemerkung hin, seine Settings seien wichtiger als seine Gestalten.
Als Verfasser des "großen amerikanischen Romans" habe er sich nie gesehen, meinte Michael Crichton. Er sei eher der Typ, der sagt: "Gut, das sieht interessant aus. Lass uns das aufmachen und schauen, was drin ist."
Es hat vielen Menschen sehr viel Freude bereitet, diesem großen Mann dabei über die Schulter blicken zu dürfen.
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