Von Thomas Winkler
Einem weit verbreiteten Missverständnis zufolge benötigt der gemeine Rockmusiker nur drei Dinge zum Überleben: Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Doch das, enthüllt nun die Expertin Katrin Lauter, ist nur eine Legende. Ihre Studien haben ergeben: Auch der in freier Wildbahn auftretende Rocker kann in letzter Konsequenz nicht auf herkömmliche Ernährung verzichten. Und verputzt schon mal gefüllte Tomaten mit Feta, Champignon-Bernaise-Hühnchen oder auch Waldbeer-Mascarpone-Kuchen.
Kochbuch "Rockterrine": Süppchen für die Rapper
Die 29-jährige Lauter hat im Laufe ihrer Tätigkeit festgestellt, dass sich wider Erwarten nicht die großen Stars anspruchsvoll geben. "Es sind eher unbekannte Bands, die glauben, sie müssten auf die Pauke hauen", erzählt Lauter, die selbst Bass spielt in einer Indie-Band namens I Knew It: Hurray. "Die wollen wohl austesten, wie weit sie das Rockstargehabe treiben können."
So orderte die Punkband Pennywise nicht nur "Sportsocken", von denen die Rockterrine bis heute noch nicht weiß, wie sie gemundet haben, sondern auch eine australische Wurzel, deren Existenz trotz umfangreicher Recherchen von Lauter und ihren Kolleginnen nicht bestätigt werden konnte.
Ansonsten fällt vor allem auf, dass der Musikant, bevor er zu seinem Tagwerk schreitet, am liebsten leichte Kost zu sich nimmt. So wurde das Berliner Reggae-Orchester Seeed erfolgreich mit Karottensuppe verköstigt, die Sportfreunde Stiller mit einem Rotkrautsalat und die Rapper von The Roots waren zufrieden mit einem Tomatensüppchen.
Weil so ein Auftritt aber auch anstrengend ist, dürfen Kohlehydrate nicht fehlen: Wir sind Helden bekamen Bandnudelsalat und die guten alten Folkrocker New Model Army eine französische Kartoffelsuppe, die mit Äpfeln, getrockneten Tomaten und Pernod verfeinert wird.
Veganer und Spartaner
Was auffällt: Vegetarische Kost ist stark verbreitet. Die Hamburger Rockband Revolverheld bekam Linsenburger, Ärzte-Trommler Bela B. sättigte sich beim Solo-Ausflug mit Zucchinikuchen. "Grob geschätzt sind ein Drittel aller Musiker, mit denen wir zu tun haben, Vegetarier", erzählt Lauter. "Und viele sind sogar Veganer."
Diesen Kreativen, die alle tierischen Produkte ablehnen, haut die Rockterrine dann eben Tofu in die Pfanne – natürlich nicht, ohne ihn vorher raffiniert zu marinieren. Mitunter allerdings verschwimmen die Definitionen: So wurde Conor Oberst, Sänger der Indie-Darlings Bright Eyes, als Veganer angekündigt, der gern auch mal ein Stück Fisch zu sich nimmt.
Trotz solcher Begriffsverwirrungen ist vor allem im Hardcore-Punk der Veganismus noch heute weit verbreitet. Böse Zungen, behaupten, diese Diät sei vor allem ein Alibi, sich letztlich nur von Bier ernähren zu können. Tatsächlich ist es aber wohl eher eine Nachwirkung der Straight-Edge-Bewegung der achtziger Jahre. Da wurde dem ernährungstechnischen No-Future-Nihilismus der ersten Punk-Generation eine sorgfältigere Haltung zum eigenen Körper entgegengesetzt und bewusst auf Alkohol, Nikotin und andere Drogen verzichtet.
Bei einem alljährlichen Festival in Trier mit Bands aus den Bereichen Hardcore, Nu Metal und Screamo tischt die Rockterrine fast ausschließlich Vegetarisches und Veganes auf. Einzige Ausnahme: Die britische Grindcore-Band Napalm Death, die den Hochgeschwindigkeitsmetal dereinst an die Grenzen seiner Hörbarkeit trieb: "Die wollten ordentlich Fleisch haben", erinnert sich Lauter.
Fleisch ist ihr Gemüse
Womöglich ist es ja diese streng karnivore Diät, mit der Napalm Death ihren Östrogen-Haushalt auf Vordermann halten. Eine angemessen aggressive Spielweise erwirbt man sich nicht mit Du-darfst-Diäten. Andere Poprabauken müssen dagegen eher ruhiggestellt werden: Die hibbeligen Berliner Punkrocker Beatsteaks wurden mit einem Schokobrunnen besänftigt.
Wie überhaupt der Catering-Job eine nicht zu unterschätzende psychologischen Mehrwert entwickelt. Stars wie Xavier Naidoo gehen mittlerweile nur mehr mit eigenem Ernährungsberater auf Tournee, der jeden Morgen erst einmal die Blutwerte des Künstlers überprüft. Solch einen Service bietet die Rockterrine nicht, aber die Diplom-Pädagogin Katrin Lauter nutzt die Erfahrungen aus ihrem Halbtagsjob als Bildungsbegleiterin für Heranwachsende: "Ob das lernbehinderte Jugendliche sind oder kleine Rocker, man muss vor allem Geduld mitbringen. Ich habe eben eine soziale Ader."
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