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15.01.2009
 

Bücher 2009

Was gedeiht im Feuchtgebiet?

Von Daniel Haas

Wenn alle möglichen Medien immer härter werden - der Film, das Fernsehen, die Videospiele -, warum nicht auch der Buchmarkt? Was in 2008 so gut anfing, muss noch lange nicht zu Ende sein. Oder doch?

Vor kurzem fragte die "Zeit" den Chef des renommierten Hanser-Verlags, Michael Krüger, ob er die Kollegen von Kiepenheuer & Witsch bedauere. Die hatten letztes Jahr die "Feuchtgebiete" abgelehnt; der kleine Dumont-Verlag war eingesprungen und schwamm kurze Zeit später in Geld.



Es sei ein "blödes Buch", sagte Krüger. Kiepenheuer könne froh sein, es nicht im Programm zu haben. Das lässt sich unter literarischen Gesichtspunkten vielleicht so sehen. Die "Feuchtgebiete" mögen als Text "blöd" sein, als Medienereignis waren sie phänomenal. Dieser Roman war so fruchtbar, dass er als Humus für kulturkritische Diagnosen niemals trocken wurde. Man konnte ihn als postfeministisches Statement, als pornografisches Experiment oder als Dekonstruktion von Pubertätsgeschichten lesen. Die Artikel über "Feuchtgebiete" waren am Ende süffiger als ihr Gegenstand selbst.

Nur Nachfolger wird der Text keine haben. In verlegerischer Hinsicht ist es also wirklich ein blöder Text, weil er niemand zur Fortsetzung anstiftet. Wie sollte man auch ernsthaft in die schmatzenden müffelnden Fußstapfen dieser Prosa treten? Mit einem Darmspiegelungs-Roman? Einer Flatulenz-Novelle?

"Feuchtgebiete" ist zugleich Anfang und Ende eines Trends, den das Buch selbst geschaffen hat. Wenige Texte verwahren sich derart konsequent gegen das Prinzip der Genealogie: Die "Feuchtgebiete" kann niemand beerben, man kann sie nur persiflieren - wie Heinz Strunk, dessen "Fleckenteufel" demnächst erscheint - oder in andere Genres umarbeiten (so geschehen mit einem Theaterstück; die Filmrechte sind auch schon vergeben).

Zur Nachahmung nicht empfohlen

Es gibt immer mal wieder derart "blöde" Bücher, die alles Mögliche provozieren – Widerspruch, Abwehr, Spekulation, Verballhornungen – nur keine Fortsetzung. "American Psycho" war so ein Text, der ins öffentliche Bewusstsein eindrang wie eine Klinge, aber keine Nachahmungstäter fand. In Bret Easton Ellis' Roman gab sich ein stilbewusster Yuppie dem Blutrausch hin. Gestaltung und Verunstaltung fielen zusammen, es ging um Mode, um Style und Oberflächen. Die tastete der Roman derart akribisch ab, dass man Ende erst sprachlos war, um dann in Fahrt zu kommen: diese Grausamkeit! Diese Radikalität!

Auch die Ästhetik von "American Psycho" setzte sich literarisch nicht fort, es sei denn, man schlägt dem Buch die zahllosen Serienkillerromane als Erben zu. Die aber widersprechen Ellis' Text in entscheidender Weise: Sie verwüsten den Körper, um zu einer moralischen Wahrheit vorzudringen. Der amerikanische Psychopath aber forscht in der Leiber Tiefen und entdeckt immer nur das eine: nichts. Die "Feuchtgebiete" haben ebenfalls diesen nihilistischen Touch: Das kulturdiagnostische Potential einer Hämorrhoide liegt eben gerade darin, dass sie keines hat.

Auch Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" folgt der Logik des genial-blöden Textes, allerdings auf raffiniertere Weise. Da wird Psychologie nicht kleingesäbelt oder zersäftelt, sondern in idiosynkratischen Listen aufgelöst. Nur auf den ersten Blick war der Roman die Geschichte einer gescheiterten Romanze, es ging vielmehr um die Erstellung eines Archivs popkultureller Vorlieben und Schwächen. Die Fortsetzungstexte schrieb Stuckrad gleich selbst, Varianten des ursprünglichen dramaturgischen Kniffs. Die tausendundein Berlin-Romane, in denen vom Ennui geplagte Mittdreißiger ihrer Ex nachtrauern, hatten mit dem radikalen Erzählexperiment des "Soloalbum" wenig gemein.

Immer der Reihe nach

Der Kulturbetrieb lebt nun aber - wie jeder Industriezweig - vom Seriellen. Gerade in den Bildmedien verwendet man seit einiger Zeit sehr viel Arbeit auf anspruchsvolle, umfassend erweiter- und vermarktbare Serienproduktion. Selbst das Kino will jetzt Serienfernsehen mit den Mitteln der Leinwand sein – siehe die "Bourne"-Reihe, die 007-Filme, die zahlreichen Sequels von "Saw" bis "Madagascar".

In der Buchbranche stehen vor allem die Krimiautoren und -autorinnen am Fließband. Es sind, bis auf einige illustre Ausnahmen, die immer gleichen Geschichten mit geringen Abweichungen - so wie Thrillerserien à la "CSI" ein paar wenige Konstellationen mit verschiedenen Darstellern durchspielen.

Lässt sich die Wertschöpfung nicht mehr über Imitation und Variation erreichen, bleibt nur die Steigerung. Und da weiß man bei Kiepenheuer, zumindest was die Deutlichkeit des Titels angeht, wie man Akzente setzt: "Bitterfotze" wird der Taschenbuch-Spitzentitel im Februar heißen. Der Roman der schwedischen Autorin Maria Sveland gilt in seinem Herkunftsland als Skandalbuch und kann, glaubt man der Zeitung "Expressen", mehr tun für die Gleichberechtigung "als alle Reden dieser Welt".

Der Name des Werks wird jedenfalls viel für dessen Vermarktung tun (und Buchhändler und Buchhändlerinnen landesweit in Verlegenheit bringen). Steht jetzt also eine Radikalisierung des Literaturmarketings an? Ähnlich drastisch wie Pornofilmtitel werden womöglich auch Taschenbücher bald einer rhetorischen Mobilmachung unterzogen. Dann wären die "Feuchtgebiete" doch noch stilprägend geworden: nicht thematisch, aber strukturell. Die Zeiten von Büchern wie "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oder – um ein näheres Beispiel zu nennen – "Im Schatten des Windes" wären endgültig vorbei.

Sveland mag literarisch ein ganz anderes Kaliber sein. Ihr Roman handelt von einer jungen Mutter, die enttäuscht ist von den Männern und einer Gesellschaft, die Frauen immer noch benachteiligt. Dennoch wird die Autorin hierzulande nicht nur in alphabetischer Hinsicht in Charlotte Roches nächstem Umfeld erscheinen. Auf Gedeih. Und Verderb.

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