Von Claudia Voigt
Ein Taucher ohne Sauerstoffgerät atmet mehrmals tief durch, dann lässt er sich in den Ozean fallen. Er sinkt weit hinunter, auf 40, auf 60 Meter und noch tiefer.
Mit ihm taucht auch der Leser von Stefan Beuses "Alles was du siehst" in eine Erzählung ein, die drei Handlungsstränge nach und nach ineinanderwebt. Da ist einmal die Geschichte eines Ghostwriters, der an einen fernen Ort reist, um dort über das Leben eines anderen Mannes zu schreiben, dann die Beziehungsgeschichte einer unglücklichen Frau und ihres Verehrers und schließlich die Geschichte eines Zwillingspaars, das in einem Wald lebt. Manche dieser Figuren geraten auf Eisflächen und verschneiten Hängen ins Rutschen, andere verschwinden im Meer. Wasser und Eis spielen überhaupt eine große Rolle in Beuses Roman, und dass man sich darin hervorragend spiegeln kann, ist eine durchaus beabsichtigte Assoziation.
Die Geschichten reflektieren einander, aber sie fügen sich nicht logisch zusammen. Am Ende des Buchs ist der Taucher auf 78 Metern. Ist die ganze Handlung vielleicht nur ein Traum aus der Tiefe? Jeder, der dieses soghafte Buch liest, wird es anders lesen. Das gilt sogar für den Autor: "Der Roman erschließt sich mir immer wieder neu", sagt Stefan Beuse, 41. Vier Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, es von 700 auf weniger als 200 Seiten reduziert und sich in eine ungewisse Welt vorgewagt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Tod und Leben, zwischen 78 Meter Tiefe und dem Meeresgrund.
Stefan Beuse: "Alles was du siehst". C.H. Beck; 176 Seiten; 17,90 Euro.
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