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11.02.2009
 

Provokantes "Spirou"-Abenteuer

Der kleine Page und die Nazis

Von Stefan Pannor

Frisch, fromm, fröhlich, frech - bisher war der Comic-Held Spirou ein unbedarft zupackender Abenteurer, der mit Politik rein nichts am Hut haben durfte. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag bricht jetzt ein neuer Band mit fast allen Tabus der Traditionsserie.

"Liest du denn keine Zeitung?", fragt das Zimmermädchen den Pagen, als der sich über das Gerede über einen neuen Krieg wundert. "Doch", sagt der Page, "'Le Petit Vingtieme'" - und errötet. Mehr muss er nicht sagen: Er hat offenbar keine Ahnung. Denn "Le Petit Vingtieme" ist ein belgisches Kinderblatt. Der Page trägt den Namen Spirou. Wir sind in Brüssel und schreiben den Sommer 1939.

Zu sehen ist diese Szene in "Spirou - Porträt eines Helden als junger Tor" von Émile Bravo. Dass mit diesem Band etwas im Busch war, wusste man spätestens, seit der französische Verlag Dupuis im März 2008 einen Videotrailer auf seine Website gesetzt hatte. Nicht nette Comicfiguren begrüßten hier den Neugierigen, sondern unverfälschte Wochenschau-Aufnahmen: Hitler, marschierende Wehrmacht, Bombenflieger.

Spirou und die Nazis? Dieser Comic-Held hatte doch nie etwas mit realer Weltpolitik zu tun gehabt, die Politik regelrecht gemieden; auch auf Wunsch des konservativen belgischen Verlegers Paul Dupuis, der die Figur in den späten Dreißigern in Auftrag gegeben hatte.

Als 1939 der französische Zeichner Robert Velter frühe Kapitel der Serie beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in seiner Kaserne zeichnete, bekamen die Leser davon nichts mit. Ebenso nicht, als vier Jahre später fertige Seiten aus Frankreich ins Verlagshaus nach Belgien an den Besatzern vorbeigeschmuggelt wurden. Die Geschichten handelten von Riesenrobotern, denkenden Eichhörnchen und Boxkämpfen. Ein Zweiter Weltkrieg fand in den Comics nie statt.

Und auch kein Kalter Krieg. André Franquin schickte den Helden in den sechziger Jahren in die DDR - und nannte sie Bretzelburg. Anspielungen auf den real existierenden Sozialismus konnte nur erkennen, wer eifrig danach suchte. Die Welt als Wille zur Andeutung. Dabei sollte es größtenteils bleiben.

Deshalb wirkt das jetzt auf Deutsch erscheinende "Porträt eines Helden als junger Tor" wie die längst überfällige Einlösung eines Versprechens - der Band erschien in Frankreich zwei Tage nach dem 70. Geburtstag der Serie am 21. April 2008.

Gestatten, Kassandra, Kommunistin

Zeichner Bravo schneidert dem ewigen Pagen einen historisch-politischen Entwicklungsroman auf den Leib, der in seiner dramatischen Konsequenz und literarischen Ausführung die gesamte Serie mit einem Schlag erwachsen macht - und zwar indem er die Figur in einen kindhaften Status zurückversetzt.

Denn dieser Spirou ist wirklich ein Tor. Einer, der lieber mit Jungs Fußball spielt, die halb so alt sind wie er, statt sich mit der Welt um ihn herum auseinanderzusetzen. Erst besagtes Zimmermädchen muss ihm erklären, dass er gerade in dem Hotel, in dem er als Boy arbeitet, den Lauf der Weltgeschichte belauscht hat, weil Deutsche und Polen über die Zukunft Danzigs und Polens Seezugang streiten. Dass dieses Zimmermädchen, Kassandra, aus der Sowjetunion stammt, Kommunistin ist, aber dennoch von Stalins Säuberungen bedroht, ist ihm viel zu hoch. Und Karl von Glaubitz, Ribbentrops Beauftragten im Ringen der Mächte, hält er für unsympathisch - und mehr auch nicht.

Auf gerade einmal 64 Seiten bricht Émile Bravo mit fast allen Tabus der Traditionsserie. Spirou war stets ein optimistisch zupackender Held. Im Ringen der Weltmächte am Vorabend des Krieges aber gibt es keinen Helden. Und nur weil er in Kassandra verknallt ist, beschäftigt Spirou sich widerwillig mit der Lage des Jahres 1939. Und versteht, dass er nichts versteht.

Émile Bravo, seit über fünfzehn Jahren aktiv, stammt aus dem gleichen Comicstall wie die Jungstars Lewis Trondheim und Joann Sfar ("Donjon"). In seiner ersten deutschsprachigen Veröffentlichung erweist er sich jetzt auch als literarisch bewandert. Schon die Handlung ist als Hommage an Vicky Baums Klassiker "Menschen im Hotel" zu verstehen. Und der Originaltitel des Comics, "Le Journal d'un Ingénu" ("Tagebuch eines Unbedarften"), verweist auf Voltaire und dessen 1767 veröffentlichte Religionssatire "L'Ingenu". Wenn Spirou also in dem Band staunend begreift, dass nicht die ganze Welt katholischen Glaubens ist, dann ist dies auch ein satirischer Seitenhieb auf das einengende Weltbild, das Verleger Dupuis für die Serie gefordert hatte.

Spirou und Kindesmissbrauch

Diese Mehrschichtigkeit und Literarität machen den Band so großartig. Bravo verzichtet auf jegliche Action, wie sie sonst in der Serie dominiert. Alle Dramatik liegt in den Dialogen und der unwahrscheinlich langsamen, aber gerade darum glaubwürdigen Verwandlung des Naivlings Spirou in einen Menschen, der begreifen will. Und als er endlich begreift, ist es zu spät - eine Erkenntnis, an der Spirou fast zerbricht. Auch diese psychologische Konsequenz ist neu im Serienkosmos.

Es ist ein Glück, dass Bravo all das in poetisch-sanften Kreidestrichen schildert - sie nehmen dem Erzählten viel von seiner Härte, die sonst fast unerträglich wäre. Die romantische Darstellung des Vorkriegs-Brüssel und einige Anspielungen auf "Tim & Struppi" sind luftige Kontrapunkte zum schweren Geschehen.

"Spirou"-Leser gelten als konservativ. Als in den neunziger Jahren das Künstlerduo Tome & Janry die Serie ähnlich radikal modernisieren wollte, geriet der Versuch zum Debakel bei den Lesern - die Serie zerbrach daran fast.

Bravos "Spirou" dagegen fang ungleich großzügigere Aufnahme. Vor wenigen Wochen wurde er auf dem Comicfestival in Angoulêmengoulême als "Essential" ausgezeichnet, mithin als einer der zehn wichtigsten Comics des vergangenen Jahres in Frankreich. Der deutsche Anhang enthält eine weitere, nicht minder provokante Kurzgeschichte: Spirou, konfrontiert mit Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche.

Émile Bravo hegt Fortsetzungspläne, wie er im Interview erzählt: "Ja, ich habe beschlossen, an dieses Abenteuer anzuschließen. Die Besatzung, die Befreiung, da gibt es viele spannende Momente zu erzählen. Spirou soll Mut lernen."

Spirou zieht also in den Krieg. Der wahre Reifeprozess des Helden steht, wie es scheint, noch aus.


Émile Bravo: "Porträt eines Helden als junger Tor", Carlsen Comics, 80 S., 10 Euro

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