Einfach genial, diese Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz! Da wird ihr Haus, das legendäre Dach über Häuptern wie Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Hans Magnus Enzensberger, seit Jahren gemobbt - die besten Lektoren zögen fort, die kritische "Suhrkamp-Kultur" aus dem großen Geist der "Frankfurter Schule" glänze nur noch matt, dichtenden Altstars wie Handke folgten keine ebenbürtigen Talente, den Bestseller-Kehlmann habe man, wie Walser, an Rowohlt verstolpert und ein einziger Tellkamp sei auch noch kein rettender Turm.
So las man es landauf, landab. Sie, die dämonische, zum Mystizismus neigende Ex-Schauspielerin, ruiniere das Erbe ihres Mannes Siegfried Unseld (der 2002 verstorben ist), sie vergraule die Besten, sie könne es einfach nicht.
Und jetzt das: Vom "Suhrkamp-Schock" ist die Rede, vom Ende einer hehren "Konstruktion aus Geld und Geist", von fassungslosen Bürgern und von der intellektuellen "Degradierung" einer der ältesten deutschen Bürgerstädte. Gemeint ist damit aber nicht mehr das bedenklich dahinbröselnde Profil des Verlages, das auch für die Stadt kein geistiger Jungbrunnen mehr ist, sondern eine andere Ungeheuerlichkeit: Suhrkamp haut ab aus Frankfurt, zieht in die Hauptstadt, in die Berliner Gebäudehülle des einstigen Verlegers und Aufklärers Friedrich Nicolai.
Das hat die Verlegerin toll hingekriegt: Plötzlich ist nicht mehr Suhrkamp schwach, sondern Frankfurt, weil es den starken Suhrkamp-Verlag an das vermeintlich starke, subventionsgepäppelte Berlin verliert - an das "Labor" (Unseld-Berkéwicz) der intellektuellen Zukunft. Ernsthaft: das Labor?
Viele kluge Menschen scheinen den Unsinn zu glauben. Der verlegerische PR-Coup des Jahres ist perfekt. Plötzlich verbreiten sich Larmoyanz und Katastrophenstimmung unter den Intellektuellen der Buchmesse-Stadt, wie erst vor ein paar Tagen bei einer Debatte im dortigen Literaturhaus. Deren Überschrift "Frankfurt ohne Suhrkamp - na und?" suggerierte Gelassenheit, doch höchst aufgeregt und trauerklößig waren dann die Beiträge verschiedener Literaten und Kulturpolitiker.
Kritiker Martin Lüdke empörte sich gar, Suhrkamp führe sich auf, als habe die Stadt dem Verlag gegenüber "seelsorgerische Pflichten" vernachlässigt, und die Schriftstellerin Eva Demski, eine Frankfurter Institution, sinnierte, die Trauer der Intellektuellen über Suhrkamps Fortgang sei wohl "ein generationsspezifisches Bedauern über den Verlust der eigenen Jugend".
Verlust der Jugend, oh je! Ist es wirklich so schlimm? Muss Frankfurt Asche auf sein schönes Goethe-Denkmal im Zentrum streuen, weil Adornos und Handkes Werke bald in Berlin betreut werden?
SPIEGEL ONLINE fragte einige Persönlichkeiten der Frankfurter Kulturszene nach ihrer Meinung zu jenem "revolutionären Akt" ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") der Verlegerin Unseld-Berkéwicz. Kritiker Marcel Reich-Ranicki: "Ach, das wird von ein paar Feuilletonisten überschätzt. Die meisten Leute hier kennen doch nicht einmal den Namen Adorno. Die Verlegerin will eben aus dem Schatten ihres Mannes Siegfried Unseld heraustreten."
Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff spöttelt: "Natürlich gibt es in Berlin mehr rote Teppiche als in Frankfurt". Auch Max Hollein, der erfolgreiche Direktor von Städelmuseum, Kunsthalle Schirn und Liebieghaus, lässt aus der Umzugs-Tragödie die Luft heraus: "Viele der Suhrkamp-Autoren leben ja ohnehin nicht in Frankfurt. Es ist sicherlich schade, aber ich halte das nicht für dramatisch". Mit den traditionellen Kulturinfrastrukturen von "imperialen Hauptstädten wie Wien oder Berlin" könne eine "Bürgerstadt" wie Frankfurt eben nicht mithalten, das sei bekannt; andererseits sei Frankfurt "offen für vieles, frei und selbstbewusst nach vorn agierend".
Genügend geistiges Potential
Mit seinen 13 Häusern, die zum Frankfurter "Museumsufer" gehören, auch mit seinen Galerien und der Städelschule setze Frankfurt verstärkt auf die bildenden Künste, und "in diesem Bereich", sagt Hollein, "ist das Publikum in den vergangenen Jahren größer, jünger und vielschichtiger geworden." Daran ändere der Fall Suhrkamp überhaupt nichts.
Elisabeth Schweeger, die scheidende Intendantin des Schauspiels Frankfurt, sagt: "Der Wegzug von Frankfurt ist natürlich ein Schaden für Frankfurt und auch ein Imageverlust." Ein Schaden wie der Fortgang des Ballett-Chefs Bill Forsythe. Aber selbst Schweeger beschwichtigt: In Frankfurt gebe es "eine Bevölkerungsschicht, die besonders neugierig, offen und intelligent ist, überdies genügend geistiges Potential" - das bleibe ja erhalten.
Was viele in diesen hitzigen Symbol-Debatten vergessen: Suhrkamp bleibt ja gewissermaßen in Frankfurt am Main. Jener Verlag immerhin, den Peter Suhrkamp 14 Jahre, von 1936 bis 1950 geführt hat, wenn auch ironischerweise damals in Berlin - S. Fischer. Das Haus, in dem Thomas Mann, Carlos Ruiz Zafón, Julia Franck, aber auch ein Held der "Frankfurter Schule", Max Horkheimer, verlegt werden, hat nicht vor, nach Berlin abzuwandern. S. Fischer braucht auch keine Staatsknete als Umzugshilfe, denn der Verlag ist sehr erfolgreich - nicht nur finanziell. Und das in Frankfurt, Frau Unseld-Berkéwicz!
Was die Kaufmannsstadt und das fragile Verhältnis von Geld und Geist am Main betrifft, sei daran erinnert: Ein Frankfurter Weinhändler war es, der Ende des 18. Jahrhunderts den jungen Philosophen Hegel als Hauslehrer engagierte. Hegel - den Lehrer von Karl Marx. Was lange vor Suhrkamp möglich war, bleibt auch nach Suhrkamp möglich.
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Der Zank um den Verlust an einen Interessanteren, der kränkt, wie in allen Gebieten des Lebens, so auch im Kommunalteil der Tageszeitung, die Eitelkeit. Aber, es liegt die Sache doch sehr viel anders. Zu bedenken ist ja wohl: [...] mehr...
Brecht war ein Verräter... Die Amis, die Englender, die Franzosen wollten ihn nicht haben, also hat er sich den Russen verkauft... Habe früher viel über die Theorie des Theaters, sein V Effekt, ob er Heiner Müller kannte, [...] mehr...
Von Uebersetzern (gerade von Gedichten) darf man wohl einen sehr praezisen Umgang mit der Sprache erwarten. Deswegen, verzeihen Sie bitte, ueberrascht der haessliche "Oppotunist" genauso, wie Sie an "ihm" [...] mehr...
Da bin ich nicht sehr ueberrascht, ich meine auch, sie in Wilmersdorf schon gesehen zu haben. Aber wohnt sie dort? Wie auch immer, Frankfurt/M vereinnahmt sie jedenfalls als Kind der Stadt, um auch einmal etwas den Tourismus [...] mehr...
Das hat man wohl als Österreicher grundsätzlich nicht. Übrigens Hannelore Elsner mag zwar ihren Wohnort in FFM haben, tummeln tut sie sich täglich um die Güntzelstraße herum. Und das schon seit Jahrzehnten. mehr...
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